Sind wir alle Larry Kings?

Handbuch eLearning 2007, Feb. 2007

Für das Oxford American Dictionary war es das Wort des Jahres 2005. Inzwischen gehört auch hierzulande der Begriff Podcast zu jeder Diskussion über Medienarbeit. In der Marketingkommunikation sind Podcasts schon gebräuchlich. In der Weiterbildung ist das noch nicht so. Die Möglichkeiten dieses Mediums müssen erst vollständig ausgelotet werden.

Im Internet ist doch jeder, oder? Bestimmt jeder Journalist, denn die Recherche ist Basisarbeit der schreibenden Zunft, bei Hörfunk und TV. Wirklich jeder? Nicht ganz: Ein wahrlich nicht unbekannter US-Tallzshow-Gastgeber hat nach eigenen Worten noch nie im Internet etwas gesucht. In einem Blogbeitrag des Handelsblatts schrieb dann auch ein Blogger über Larry King: "Ein Journalist, der noch nie im Internet war, ist für mich ein Journalistendarsteller." Beim Thema Podcast und bei anderen Medien im Bereich des informellen Lernens läuft man ebenso Gefahr, in dieser Form abgestempelt zu werden. Kein Weiterbildungsexperte kann ernsthaft Interesse daran haben, seine Zielgruppe aus dem Auge zu verlieren und den Kontakt zur jungen Generation – die schon morgen Entscheider sind – zu vernachlässigen.

Kurz noch einmal zur Definition:

Podcasts sind Audio- oder Video-Beiträge, die über RSS-Feeds verbreitet werden. Die zugehörigen Kanäle lassen sich mit einer speziellen Software abonnieren, so dass der Empfänger regelmäßig neue Folgen erhält.
Derzeit sind noch solche Begriffsklärungen nötig, denn vorläufig ist Podcasting noch kein Massenmarkt. Aber in diesem Segment ist einiges in Bewegung geraten. Über 2.000 Podcasts werden regelmäßig in Deutschland produziert.

Personalverantwortliche von heute sind »digitale Einwanderer«

Wir möchten Personal- und Weiterbildungsverantwortlichen von heute zuerst eine Provokation entgegenstellen: Auf die digital natives – die digitalen Eingeborenen, die mit PC, Notebook, Computerspielen, Internet, Instant Messaging und Handy aufgewachsen sind, sind Personalentscheider nur unzureichend vorbereitet. Die Führungskräfte von morgen genießen den Umgang mit der Technik. Technik ist nicht Selbstzweck, aber Selbstverständlichkeit. Sie wollen die neuen Medien kreativ nutzen. Bietet das der Arbeitgeber nicht oder nur unzureichend, ist das nicht unbedingt ein Faktor, der eine Führungskraft im Unternehmen hält. Das unterschätzen die Weiterbildner von heute. Sie reagieren viel zu langsam. Somit bewegen sie sich eigentlich auch irgendwie – ohne etwas zu tun – von ihrer Zielgruppe weg. Die digital natives – wie sie die Gartner-Analysten nennen – wollen freien Zugang zu Informationen, Inhalte schnell selbst erstellen und schnell verteilt haben. Sie kommen aus einer völlig anderen Denktradition. Wir, die noch zu arbeiten angefangen haben, als das Internet in den Kinderschuhen steckte, sind digitale Immigranten. Wir – auch wenn IT unser Kerngeschäft ist – sind in die digitale Welt eingewandert. Wir sind nicht in ihr geboren. Das muss man immer bedenken, wenn man über die Praxis der Weiterbildung und den Einsatz neuer Technologien spricht. Wir müssen uns hier permanent öffnen, um für die Entscheider von morgen attraktiv zu sein und sie zu verstehen. Das ist nicht immer leicht.

Ein neues Instrument für die Wissensvermittlung und den Wissenstransfer

Eine Umfrage unter deutschen Podcastern ergab, dass die meisten das Medium zu Unterhaltungs- und Informationszwecken nutzen. Doch über ein Drittel setzt Podcasts auch für persönliche Weiterbildung ein. Dieser Trend dürfte sich verstärken. Auf der Learntec 2006 befragte das MMB Institut für Medien und Kompetenzforschung 40 Experten zur Zukunft des E-Learning. Davon zeigten sich 80 Prozent überzeugt, dass Podcasts in Zukunft als Mittel informellen Lernens an Bedeutung gewinnen. Apple will seinen iTunes Music-Store um die Sparte Bildung erweitern und testet deshalb an amerikanischen Universitäten, wie Vorlesungsmaterialien per Podcast publiziert werden können. Die Marktforschungsgesellschaft Gartner Group wiederum empfiehlt Trainern, Podcasts in ihr Portfolio aufzunehmen. Auch wir bei Beck et al. Services, die schon seit Jahren im Bereich “technologiegestützte Wissensvermittlung“ aktiv sind, haben die Zeichen der Zeit erkannt. Aus diesem Grund organisierte das Unternehmen 2006 gemeinsam mit dem Verband der Deutschen Internetwirtschaft den Ersten Deutschen Podcast-Kongress, an dem unter anderem private Podcaster, Marketingexperten und Trainer teilnahmen. Wir entwickeln für unsere Kunden individuell zusammengestellte Lernarrangements und virtuelle Akademien, in denen verschiedenste Medien eingesetzt werden. Podcasts können – je nach Bildungsbedarf – ein Kanal für die Wissensvermittlung sein. Auch im Help Desk kommen Podcasts zum Einsatz: Wir produzieren beispielsweise »Knowledge Bits«, kleine Audiodateien, die ein Problem schildern und dessen Lösung dem Anwender gleich mitliefern. Wir nutzten Podcasts aber auch intern: Im IT-Projektmanagement bietet sich Podcasting an und hat sich als nützlich erwiesen.

Blended Learning bleibt entscheidend

Wir sehen den Nutzen von Podcasts differenziert: Wir passen unsere Lernarrangements an die Bedürfnisse unserer Kunden an. Und: Für die Geschäftsprozesse mancher Unternehmen macht Podcasting eben auch manchmal einfach keinen Sinn. Es gibt auch noch ein grundsätzliches Problem, das uns in der Podcast-Praxis immer wieder begegnet ist: Viele Personal- und Ausbildungsverantwortliche können mit der informellen Informationsweitergabe via Podcast noch nichts anfangen, da sie eine ganz andere Lernkultur gewohnt sind – ganz im Gegensatz zu neuen Mitarbeitern, die Podcasts schon vor dem Eintritt ins Unternehmen nutzten. Zwischen den Sichtweisen und Erfahrungswelten beider Gruppen gilt es einen Ausgleich zu schaffen. Auch aus diesem Grund können Podcasts nur einen Bestandteil eines Lern-Mixes darstellen. Wir empfehlen eine Kombination aus Trainings und informellen, selbst bestimmten Komponenten. Ähnlich sehen das auch andere Experten - so etwa Martin Falk, Podcast- Fachmann der ARD: „Podcasting ist kein Allheilmittel, sondern ein Mosaikstein in umfassenden Weiterbildungskonzepten.“

Mitarbeiter des Learning Center am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen sprechen Podcasts dann ein echtes didaktisches Potenzial zu, wenn sie in einen ordentlichen Blended-Learning-Ansatz integriert sind. Podcasts unterstützen, wenn es darum geht, die Teilnehmer eines Seminars mental auf die Veranstaltung einzustimmen oder um nach dem Seminar die Erinnerung an das Gelernte länger zu erhalten.

Qualitätsmaßstäbe und Einsatz im IT-Projektmanagement

Podcasts müssen bestimmten Qualitätsmerkmalen entsprechen. Als Grundvoraussetzungen gelten gute technische Standards, eine passende Dramaturgie und professionelle Sprecher. Vorher ist es freilich notwendig, die geeigneten Inhalte zu identifizieren und diese entsprechend zu bearbeiten. Wir sind der Meinung, dass es nicht ausreicht, Live-Mitschnitte von Seminaren und Vorträgen schnell mal ins Netz zu stellen. Das kann von Fall zu Fall im Projektmanagement ein Vorgehen sein, wenn zum Beispiel ein Vertriebsmitarbeiter ein Meeting, an dem er nicht teilnehmen konnte, im Auto als MP3-File nachhört. In der Weiterbildung ist das aber meist kein zu empfehlendes Vorgehen. Didaktik und Produktionsqualität sind hier wichtig. Wir setzen Podcasts intern sehr stark ein, auch wenn es schnell gehen soll. Für interne Bildungsmaßnahmen sind Audio-Lernkampagnen aber sorgfältig geplant und produziert. Bei Kunden ist das natürlich erst recht selbstverständlich. Ein undifferenzierter Umgang mit diesem Medium scheint aber noch weit verbreitet. Wir mussten feststellen, dass die meisten Podcasting-Angebote im Internet Inhalte besaßen, die ursprünglich nicht für dieses Medium produziert worden waren. Wichtig sind kleine Lerneinheiten. Der Lerner/Anwender darf nicht überfordert werden. Gerade weil der Mensch auf visuelle Reize fixiert ist, sinkt die Aufmerksamkeit bei Audio-Inhalten schnell. Die maximale Aufmerksamkeitsspanne von 20 Minuten, von der viele Podcaster ausgehen, ist vielleicht sogar zu hoch angesetzt.

Podcasts als Bestandteil des selbstbestimmten Lernens

Das bestätigt erneut die These, dass Podcasts nur ein Weiterbildungselement von mehreren darstellen. Sie sind vor allem ein Mittel, Trainings und Termine vor oder nachzubereiten. Wir sehen sie ohnehin in einem viel größeren Kontext – als ein Instrument des informellen, selbstbestimmten Lernens, in dem Mitarbeiter ihr Wissen in einem Netzwerk miteinander teilen. Das spielt unserer Auffassung nach in weltweit verteilten Organisationseinheiten eine noch größere Rolle als bisher. Dabei werden Partizipieren und Publizieren eins. Gerade weil Podcasts eine persönlichere Ansprache ermöglichen, sind sie in diesem direkten Austausch von einer besonderen Bedeutung. Die Chancen für das Podcasting sind also hoch. Für die Qualität der Bildungsmaßnahme ist indes die Art des Mediums letztlich nicht das Wichtigste. Der Marktwert von Wissensvermittlung bemisst sich nicht nach der Kommunikations- bzw. Trägertechnologie allein. Entscheidend sind die Erfahrung und das Wissen der darin agierenden Menschen. Also: Lasst uns den neuen Technologien gegenüber offen sein. Gleichzeitig ist und bleibt aber auch wichtig - und da werden uns die digital natives von heute Recht geben – ob der Mensch mit diesen Kanälen qualitativ hochwertige Inhalte produziert oder nur modische Effekthascherei betreibt.