Angst vor der Freiheit?

Von Alexander Klier 25.06.2018
Angst vor der Freiheit?

"Wir haben erreicht, dass sich die Bereiche New Work und Nachhaltigkeit mischten – ein äußerst zukunftsfähiger Mix, der eine enorme Schnittmenge hat" (Daniela Röcker).

Bild: Ideenbrand - Unkonferenz Standbild 4. Verwendung mit freundlicher Genehmigung.


Am Freitag, den 14. Juni 2018 hatte ich die Gelegenheit, eine ganz spezielle Veranstaltung zu besuchen. Es handelte sich um die von den Veranstaltern so genannte „transsektorale (Un-) Konferenz“. Das PRIOMY (Principles of Autonomy) Team in Berlin hatte sie mit dem Titel "Neue Konzepte für neue Arbeit" organisiert, um die Bereiche New Work und Nachhaltigkeit zusammenzubringen und zusätzlich auch künstlerische sowie wissenschaftliche Aspekte einzuspeisen. Bereits das sind viele gute Zutaten, um eine gelungene Konferenz zu veranstalten. Zusätzlich sollte sich dieses Treffen von den mittlerweile etablierten Barcamps, auch Unkonferenzen genannt, unterscheiden, indem organisatorisch beide Elemente gemischt wurden. Das machte das Experiment noch viel spannender.

Ich möchte in diesem Blogbeitrag meine Erfahrungen kritisch reflektieren und das dreigeteilt:

  1. Zum einen organisatorisch, also auf die Frage der Veranstaltungsorganisation selbst eingehend,
  2. zum anderen in einer Betrachtung des räumlichen Settings, im Sinne einer Veranstaltung in der man auch was lernen kann und schließlich
  3. inhaltlich, weil ich immer darüber gegrübelt habe, was mir der Titel "Die Angst vor der Freiheit" eigentlich sagen sollte.

Bereits vorab möchte ich sagen, dass die Kritik nicht verdecken soll, dass ich die Veranstaltung inhaltlich sehr bereichernd fand und auch gerne auf der Konferenz dabei war. Andererseits finde ich, dass das Team und die experimentelle Veranstaltung es verdient haben, auf den Prüfstand gestellt zu werden. Insofern ist die - hoffentlich wohlverstandene - Kritik mein wertschätzender Beitrag des Experiments.

Apropos: Einen zweiteiligen Bericht der Veranstalter gibt es hier und hier nachzulesen. Hier gibt es einen Rückblick in Form von Bildern und hier eine persönliche Analyse von André Claassen.
 

Die Organisation der transsektoralen (Un-) Konferenz

Wenn schon, denn schon, könnte das Motto der Veranstalter gelautet haben, mit dieser ihrer ersten Konferenz so ziemlich alles anders machen zu wollen, als es üblich ist. Das bietet disruptives Potenzial genauso wie es die Gefahr birgt, über das Ziel hinauszuschießen. So ist meine Einschätzung durchaus nicht nur euphorisch, was den Gesamteindruck der Tagung betrifft. Ich beginne mit der Beschreibung mal vor dem Anfang: Die Entscheidung, neben dem klassisch selbstbestimmten Verlauf einer (Un-) Konferenz auch Keynotes zu präsentieren und zusätzlich die Sessions bereits im Vorfeld (durch die Teilnehmer*innen) festlegen zu lassen, konnte ich zunächst gut nachvollziehen. Das macht Planungen zuverlässiger und auch für die Teilnehmer*innen von Anfang an berechenbarer. Doch bereits während der Konkretisierung wurden mir die Probleme, die man sich damit unabdingbar einhandelt, bewusst: So war ich bereits für die "Abstimmung" (genauer: das Konsensieren) der Themen zu spät dran. Ich konnte also meine Stimme nicht (mehr) einbringen. Ich hatte nebenbei das Gefühl, dass sich an dieser Vorababstimmung insgesamt nicht allzu viele beteiligt haben - ein Ende der Abstimmung war ja bereits einige Wochen im Voraus geplant, um eben jene Planungssicherheit - und Vorbereitungszeit für die Sessiongeber*innen - zu bekommen.

Bild: Tweet von mir aus der Session zum systemischen Konsensieren. Gruppenmitglieder wollen mitentscheiden und am Ergebnis der Arbeit Anteil haben, auch wenn es ums Lernen geht. Das systemische Konsensieren ist ein neues Instrument, um Abstimmungen hierüber zu ermöglichen. Dabei müssen Einwände ernst genommen werden. Dies auf eine Konferenz anzulegen ist eines der großen Verdienste klassischer Unkoferenzen. Es bietet zugleich Optimierungspotenzial für die nächste PRIOMY Konferenz, zumindest wenn man auch am Koferenztag selbst über den Verlauf mitreden möchte ;-).

 

Kurz vor der Konferenz sollte ich mich nun entscheiden, was ich für Schwerpunkte setzen würde und welche Sessions ich demzufolge (höchstwahrscheinlich) besuchen würde. Das habe ich gemacht, mir aber weder gemerkt, wie ich es angegeben hatte, noch geplant, es auch so umzusetzen. Sehr bewusst wollte ich mich doch letztlich während der Konferenz entscheiden, wo und wann ich mich an der Diskussion beteilige, weil es mir eben unterschiedlich leicht fällt, mich auf die jeweiligen Präsentationen und Diskussionen einzulassen.

Das Ganze rund um die (vorbereitende) Organisation will ich noch einmal auf einer Metaebene reflektieren: An mir selbst ist mir aufgefallen, dass die Wahl der Sessions in jedem Fall davon abhängig ist, wie meine aktuelle Stimmung an diesem Tag ist. Dabei orientiere ich mich auch daran, wer was wie vorbereitet hat und entsprechend einbringt bzw. Raum zur Diskussion bietet. Das sind Aspekte, die bei einer so lange vorab notwendigen Festlegung keine Rolle bei der Abstimmung spielen können, es sei denn, ich kenne die Sessiongeber*innen zufällig. Mir scheint es sich hier um ein komplementäres Verhältnis zu handeln. D.h., ich tausche mit der höheren Planungssicherheit ein, die Selbstbestimmung am Tag der Konferenz deutlich kleiner zu machen bzw. tatsächlich auf "klassisches" Konferenzniveau zu gehen. Denn es war beim letztlich gewählten Setting nicht mehr möglich, spontan ein eigenes Thema einzubringen und entsprechende Zuhörer*innen zu finden, um es zu diskutieren. Eine Eigenschaft, die klassische Unkonferenzen so attraktiv macht.

 

Der Raum der (Un-) Konferenz

Apropos Setting: weil es in einem engen Zusammenhang mit der Organisation steht, möchte ich auch hierzu ein paar Anmerkungen machen. Für mich stellte sich als größtes Manko heraus, dass die gewählte Location, das CRCLR House in Neukölln, eine auf den ersten Blick ziemlich coole Location, für eine Konferenz mit Gruppen eigentlich ungeeignet ist. Was noch gut funktionierte, das waren die verschiedenen Keynotes, weil das gesamte Auditorium zugegen war und in einer zum Teil sehr intensiven zuhörenden Atmosphäre eine entsprechende Ruhe herrschte, die Keynotes zu verfolgen. Was für mich gar nicht mehr funktionierte, waren dann die verschiedenen Sessions oder auch Streams. Es war zumindest mir nicht ohne weiteres möglich, mich auf die Inhalte zu konzentrieren, weil der Umgebungslärm einfach zu groß war. Hinzu kommt, dass viele der Sessiongeber*innen viel zu leise geredet haben. Das kann man in eigenen dafür vorgesehenen Gruppenräumen viel besser handhaben, hat aber den Preis einer anderen Atmosphäre und natürlich eines anderen Settings insgesamt.

Bild: Alexander Klier. Für die Arbeit in Gruppen, eine der Voraussetzungen klassischer Unkonferenzen, war das CRCLR House nicht wirklich geeignet. Die reale Gestaltungsmöglichkeit des Raumes ist eine der ermächtigenden Voraussetzungen selbstbestimmten Lernens.

 

Dieser Umstand war für mich erst recht ein Katalysator, mich umzuschauen und auch umzuentscheiden, welche Session ich konkret verfolgt habe. Den ganzen Tag über hat mich dabei auch der Gedanke verfolgt, warum die Diskussion um neue Konzepte neuer Arbeit, die ja explizit auch die digitale Zusammenarbeit betrifft, immer nur analog, also im Sinne einer Face-to-Face Kommunikation organisiert wird. Es ist nicht so, dass sich hier schon einen guten Vorschlag hätte, wie man möglicherweise auch den virtuellen Raum dazu nutzen könnte. Aber ich habe den Eindruck, es wird gar nicht einmal der Versuch gemacht, den Raum einer Konferenz auszuweiten, um die digitalen Möglichkeiten tatsächlich zu nutzen.

Das mag mit dem Umstand zu tun haben, dass der Raum als "dritter Pädagoge", insbesondere in und mit seiner Einrichtung, auch in ganz klassischen Konferenzsettings deutlich vernachlässigt wird. Zumindest aus einer Sicht als Lerner*in. "Der architektonische Raum erscheint in pädagogischer Perspektive weitestgehend nur als neutraler Behälter für pädagogische Prozesse, nicht als deren Moment" (Werner Sesink). Bezüglich der Einbeziehung des virtuellen Raumes würde ich mir für die Zukunft tatsächlich innovativere Konzepte wünschen und bin natürlich auch dabei, sollte es darum gehen, darüber nachzudenken. Vielleicht lässt sich darüber die Komplementarität von vorher festgelegte Struktur und spontaner Entscheidungsfähigkeit ein wenig mildern.

 

Die Angst vor der Freiheit?

Als letzten Aspekt möchte ich auf einige Inhalte der PRIOMY Konferenz eingehen. Zunächst kann ich nur voll bestätigen, was Daniela Röcker als Veranstalterin beschreibt: "Zum Abschluss kamen alle wieder im Plenum zusammen, mittlerweile konnte man die Müdigkeit in den Augen der Teilnehmenden sehen. Das lag wohl hauptsächlich am sehr umfangreichen Input über den Tag verteilt." Ein inhaltlich dichtes und gedrängtes Tagungsprogramm fand so sein Ende. Im Nachgang betrachtet stellten für mich die beiden Keynotes von Shelley Sacks (Sektor Kunst) und Jessica Wigant (Sektor Wirtschaft) die größte inhaltliche Bereicherung dar. Insofern war das Einbeziehen von Keynotes, vulgo Vorträgen mit Diskussion, eine gute Sache. Allerdings zeigte die Keynote von Jason Brannon (Sektor Wissenschaft), dass auch dieses pädagogische Instrument Vor- und Nachteile hat. Im konkreten Fall nicht nur, dass es auch Widerspruch geben kann und soll, sondern vor allem, dass der oder die Keynotespeaker*in den Rahmen vorgibt, in dem diskutiert werden kann (Framing). Rein argumentativ hatte er es geschafft, innerhalb der ersten 5 Minuten das Thema Demokratie auf Politik einzugrenzen und dann noch einmal Politik auf Parteipolitik zu reduzieren. Erst dann konnte er in meinen Augen seine Thesen überhaupt anbringen und mit dem Brustton der Überzeugung zu sagen, dass zumindest meine Vorstellungen von Politik schlicht falsch seien. Ich persönlich halte dieses Vorgehen für grundverkehrt und darüber hinaus seine Thesen für empirisch nicht haltbar. Aus diesem Grund habe ich mich auch nicht mehr an der Diskussion beteiligt.

Mir stellte sich aber weitergehend sofort die Frage: warum wurde Jason Brannon überhaupt eingeladen? Was soll mir die Botschaft von ihm sagen? Insbesondere in Bezug auf neue (demokratische) Konzepte der Arbeit? Und was soll ich darüber hinaus davon halten, dass es sich Seitens der Veranstalter um eine bewusst provokante Auswahl handele? Damit quasi der Widerspruch Teil der Konferenz werde? Meinerseits zumindest kann ich sagen, dass ich genug Fragen und auch Widersprüche habe, unabhängig davon, ob mir ein Jason Brannon sagt, dass die Demokratie abgeschafft gehört, weil die Wähler*innen zu dumm (er drückt es als "zu uninformiert" aus) dafür seien. Auf einmal kam mir auch wieder in den Sinn, dass ich den Titel der Konferenz immer ein wenig störend fand. Er lautete nämlich: "Die Angst vor der Freiheit". Angst von wem? Welche Freiheit? Und warum Angst vor der Freiheit? Es wäre gar nicht verkehrt gewesen, dies ein wenig anzumoderieren und zu erläutern. Zumindest dann, wenn es sich darauf beziehen sollte, dass die Beschäftigten Angst davor hätten, in der Arbeit Demokratie zu praktizieren und Freiheit zu (er-) leben, würde ich widersprechen. Allerdings, das gebe ich gerne zu, kommt es tatsächlich sehr darauf an, wie man Freiheit versteht.

Bild: Ein Tweet von mir bei der Keynote von Jessica Wigant zum (digitalen) Wandel bei der Bahn. Ein ehrlicher Bericht der auch das Thema Ängste adressierte. Für mich eines der Highlights der gesamten PRIOMY Konferenz, auch in der Art der mitreißenden Darbietung.

 

Noch ein letztes Mal positiv gewendet: Damit besteht Aufklärungsbedarf und auch viel Potenzial für eine Folgekonferenz, die sich beispielsweise des Themas Freiheit noch einmal spezifischer annimmt oder auch die Überlegungen zum Thema demokratische Konzepte von Arbeit aufgreift. Hier bin ich gespannt, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Gerne beteilige ich mich, wie schon oben erwähnt, nicht nur als Teilnehmer, sondern auch in lerntechnischen Fragen, sollte es erwünscht sein.

Insgesamt beglückwünsche ich das PRIOMY Team zur Organisation und konsequenten Durchführung der Veranstaltung und wünsche den Beteiligten weiterhin viel Erfolg bei der Zusammenarbeit an neuen Konzepten neuer Arbeit, bei dem ein Teil sicher immer die Frage sein wird, wie man auch kollaborativ und digital lernen kann.

 


 

Nachtrag am 03.07.2018

Da wir unsere Webseite derzeit umstrukturieren steht uns momentan keine Kommentarfunktion zur Verfügung. Da es in Bezug auf meinen Beitrag den (beidseitigen) dringenden Wunsch gab, mit dem PRIOMY Team zu einer Diskussion zu kommen, haben wir uns dafür entschieden, mindestens den Kommentar des Teams eigenständig auf der PRIOMY Webseite zu veröffentlichen und dort die weitere Diskussion zu führen.

Für alle die sich daran beteiligen wollen ist hier der Link: https://priomy.de/antwort-auf-alexander-kliers-veranstaltungsrueckblick/

 

Nachtrag am 11.07.2018

Nun haben wir uns doch umorientiert und werden mit wechselseitig aufeinander verweisenden Blogeinträgen die Diskussion führen. Es ist ein wenig wie eine Blogparade, allerdings mit dem Unterschied, dass wir argumentativ aufgreifen, was die Beteiligten jeweils geschrieben haben. In diesem Sinne wollen wir auch nach vorne blicken und Ideen weiterentwickeln.

Hier ist nun der Folgebeitrag von mir, der Antworten auf die Antworten von PRIOMY gibt: https://www.bea-services.de/blog/Die%20Utopie%20hinter%20einer%20Kritik

 

Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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