Vom Diesseits und Jenseits der Vernunft

Von Siegfried Lautenbacher Von Alexander Klier 17.07.2018

Bild: Der literarische Salon von Madame Geoffrin (1755) auf den Wikimedia Commons. WoL Zirkel haben eine strukturelle Ähnlichkeit zu den Literaturzirkeln und Salons der Aufklärung. Verwendung des Bildes als gemeinfreie Datei.

 

"Wo aber die Gefühle das Denken ablösen, wo die Menschen sich selbst zum Spielball der Moral machen, da spiele ich nicht mehr mit. Da steige ich aus. Da wähle ich den Pfad der Aufklärung. Denn dort alleine ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Und ich lade Sie ein, dorthin mitzukommen" (Lars Vollmer).

 

In seinem Waschtag Nr. 3 / 2018, in dem es vordergründig um einen von ihm so gennanten "Shitstorm" geht, dem er nach seinem kritischen "Working out Loud" Beitrag mit dem Titel "Urlaub auf der WoL-Insel" ausgesetzt war, sprach Lars Vollmer obige Einladung aus, der wir gerne nachkommen. Dabei werden wir das Pferd quasi von hinten aufzäumen und uns, in bester aufklärerischer Absicht, vom Ende seines Blogbeitrages her dem Anfang nähern, denn wir finden, Richtig und Falsch sind - in Bezug auf die Aufklärung - auch bei ihm nahe beieinander. Hier wollen wir zunächst unterscheidend nachspüren um das tun zu können, was Immanuel Kant unter Aufklärung verstanden hat: von unserer "Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen" (Immanuel Kant).

 

Aufklärung im Diesseits

Zur Aufklärung gehört aus unserer Sicht erst einmal, ein wenig zu klären, mit welchen Begriffen wir im Diesseits hantieren. Da gehören die beiden Termini Moral und Vernunft dazu, weil das die zentralen Begriffen sind, mit denen Lars Vollmer operiert. Sie am Ende sogar entgegensetzt, wenn er behauptet, Moral sei von der Natur her "antiaufklärerisch", weil sie "mit Gefühlen spiele" und sich der (vernünftigen) Logik verweigere. Was meint nun Kant dazu? Für Kant ist zunächst Unmündigkeit, der Gegenbegriff zur Aufklärung, "das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen." Immanuel Kant unterscheidet dabei Verstand und Vernunft. Warum? Weil Menschen für Kant erst über die Vernunft zum Handeln kommen, indem sie die Bedeutung des durch den Verstand Erfassten verstehen, es mit Regeln und Prinzipien versehen und dann als Handlungsanleitung gebrauchen. Dadurch wird bei Kant die Vernunft zu einem "höheren Erkenntnisprinzip" als das begriffliche Verstandesdenken. Wenden wir uns nun dem Begriff der Moral zu, der für die Vernunft bei Kant eine wichtige Rolle spielt.

 

Praktische Vernunft und das Diesseits

Mit Moral bezeichnet man auf einer deskriptiven und sehr diesseitigen Ebene Handlungsmuster von Menschen, Gruppen und auch Kulturen. Moral beschreibt, "wie Menschen faktisch handeln und welches Handeln in bestimmten Situationen erwartet bzw. für richtig gehalten wird", so die Wikipedia. Entstanden sind moralische Urteile als typische Fähigkeit von Menschen aus der kollaborativen Zusammenarbeit. Sie ergeben sich in den konkreten Ausprägungen aus der Erziehung, Sozialisation und auch dem gemeinschaftlichen Zusammenleben. Die kulturellen oder gesellschaftlichen Moralvorstellungen sind die Basis gesellschaftlicher Normen und der Gesetzgebung, insofern gibt es hier einen engen Zusammenhang. Zentral dabei ist: Moral hat eine emotionale Basis. Diese (erst) gibt der Moral den notwendigen Handlungsimpuls. Mit anderen Worten: Weil es Menschen etwas ausmacht, wenn es ungerecht auf der Welt zugeht, handeln sie auch. Beispielsweise darauf hin, die Ungerechtigkeiten zu beseitigen. 

Ist Moral deshalb "ein drängelndes, sich überall einmischendes, übergriffiges, sich ständig selbst überhöhendes, sich aufblasendes Subsystem", wie Lars Vollmer meint? Aus unserer Sicht ist bereits die Beschreibung von Moral als Subsystem falsch. Eine solche Kategorisierung verkennt das Wesen von Moral und Gefühlen als wesentlichen Handlungsimpuls von Menschen. Über Moral, bzw. genauer: über Moralvorstellungen kann man auch vernünftig reden. Das macht normalerweise die philosophische Disziplin der Ethik. Menschen können nämlich praktisch immer darauf reflektieren und die Frage stellen, ob dieses oder jenes moralische Handeln richtig (oder falsch) war. Weil sich das auch für Immanuel Kant so darstellte, hat er mit seinem Werk "Kritik der praktischen Vernunft" die Moralfähigkeit von Menschen ganz diesseitig aus der Vernunft (und nicht dem Gefühl) heraus begründet. Das zentrale Ergebnis seiner Argumentation ist übrigens der "Kategorische Imperativ". Er lautet: "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann." Für Immanuel Kant ermöglicht es also erst die Vernunft der Menschen, "das instinkt- und lustgeleitete Handeln ebenso zu überwinden, wie ein Handeln aus pragmatischen oder taktischen Motiven" (Wikipedia).   

 

Der öffentliche Gebrauch im Diesseits

Nun geht es Lars Vollmer in seinem Blog nicht darum, eine philosophische Abhandlung über den Kategorischen Imperativ zu leisten. Auch unser kurzer Ausflug stellt nur die Einleitung dar um zu dem zu kommen, was Lars Vollmer eigentlich kritisiert. Ihm geht es, jedenfalls so wie wir es verstehen, um den Hinweis, dass "Sätze, die mit 'Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass ..' beginnen, ein riesengroßes Problem sind". Hier geben wir ihm absolut recht. Insbesondere dann, wenn diese Glaubensüberzeugungen, er spricht an anderer Stelle von seiner eigenen ehemaligen "Religion" des Lean Management, ein echtes Argumentieren ersetzen sollen, verweigern sich die Betroffenen einer Diskussion und kritrischen Überprüfung. Allerdings: (Erst) als Glaubensbekenntnis oder vielleicht auch Ideologie, nicht aufgrund eines guten oder schlechten moralischen Gefühls, wird dann ein echter Diskurs verweigert. 

Interessanterweise tut sich hier eine weitere Parallele zur Zeit der Aufklärung auf: Kant kritisiert in und mit seinem Aufsatz "Was ist Aufklärung" sehr explizit die Glaubensvorstellungen - im Sinne religiöser Lehren - seiner Zeit. Zugleich weist er darauf hin, wie für ihn der Gebrauch der Vernunft zu handhaben ist: "Ich verstehe [...] unter dem öffentlichen Gebrauch seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht". Damit meint er den Umstand, dass es darum gehen muss, Argumente auszutauschen statt einfach nur zu glauben, was einem Freunde, Verwandte - oder auch Religionen - glauben machen wollen. Der öffentliche Gebrauch von Vernunft, zur Zeit von Kant sehr an Bücher und andere Texte gebunden, ist das Gegenteil von privat geglaubten Meinungen, die über die von Lars Vollmer kritisierten Sätze zum Ausdruck gebracht werden. 

 

Diesseitiges WoL und jenseitige Bedingungen

"Die Leute, die daran glauben, dass Working out loud zu besserer Zusammenarbeit und bessere Zusammenarbeit zu besseren Ergebnissen führt – ist doch klar! –, warfen mir vor, keine Ahnung zu haben, schlecht zu recherchieren, so was noch nie erlebt zu haben, einfach ignorant zu sein" (a.a.O.). 

 

Damit kommen wir jetzt zum Kern dessen, was uns den Beitrag von Lars Vollmer letzlich wieder sympathisch macht: Seinen Ausgangspunkt, den oben schon erwähnten Beitrag mit dem Titel "Urlaub auf der WoL-Insel". In diesem Beitrag setzt er sich kritisch mit der Methode des Working out Loud (WoL) auseinander. Dabei geht es ihm nicht darum, wie er schreibt, die Methode als Methode schlecht zu machen, denn sie ist auch für ihn "im besten Sinne persönlichkeitsfördernd". Der Ausgangspunkt seiner kritischen Anfrage ist jedoch die Überlegung, ob sich dadurch tatsächlich die Zusammenarbeit verbessern lassen kann, denn "im Kontext des Unternehmens hat sich nichts verändert". Er wollte dies "ganz säkular wie ein aufgeklärter, kritischer Mensch im anbrechenden 21. Jahrhundert argumentierend" tun - und erntete am Ende den ebenfalls oben bereits erwähnten Shistorm.

Zeit für einen weiteren Vergleich mit der Epoche der Aufklärung. Selbstverständlich können wir hier nicht abbilden, was das für eine Zeit war, denn immerhin währte diese Epoche knapp 200 Jahre und beinhaltete äußerst komplexe gesellschaftliche Veränderungen. Zwei Dinge scheinen uns aber äußerst erwähnenswert:

  1. Die Aufklärung beeinflusste neben der Literatur auch die Politik, etwa die Amerikanische Revolution von 1776 und die Französische Revolution von 1789 und
  2. Das Zeitalter der Aufklärung war die Zeit der Salonkultur und Lesezirkel und über diesen medialen Gebrauch der Hebel für eine neue (politische) Öffentlichkeit.

 

Das Diesseits der WoL Zirkel

Um den zweiten Aspekt zuerst aufzugreifen: WoL als Methode, speziell in seiner Organisation als Zirkel mit einem eigenständigen "persönlichen Schutzraum" (Vollmer), weist strukturell einige Parallelen zu den für die Aufklärung typischen Lesezirkeln auf. Die in dieser Epoche oft gegründeten Salons, zumeist von Frauen organisiert und betrieben, waren "ständige Orte des geselligen Beisammenseins von Gelehrten und Gebildeten, des Gedankenaustauschs und engagierter Dispute" (Wikipedia). So, wie das Lesen der Texte seinerzeit "die Menschen zur Kritikfähigkeit und zu sozialer Verantwortung" befähigen sollte, können heute WoL-Zirkel zur Vernetzung und zum diesseitigen Sichtbarwerden der Beteiligten in den Unternehmen beitragen. Zugleich, das ist sozusagen die Handlungsbasis, tragen sie dazu bei, den emotionalen Impuls moralischer Vorstellungen, beispielsweise den legitimen Wunsch einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe umzusetzen, zu verankern. Folgt daraus aber - quasi automatisch - eine kritische und vor allem "politische Öffentlichkeit" in den Unternehmen? Wir meinen: Nein, weil es nicht genügt, nur den Wunsch zu haben, gesehen zu werden und etwas verändern zu wollen. Es geht ganz politisch darum, dafür auch die Stimme zu erheben und sich - im wahrsten Sinne des Wortes - mit den hinderlichen Strukturen auseinanderzusetzen und sie ganz konkret zu verändern zu versuchen. Das nämlich war das explizite Ziel vieler Lesezirkel der Aufklärung.

 

Das Jenseits der WoL Zirkel

Was in unseren Augen weder in den den Zirkeln zugrunde liegenden Guides, noch im daraus abgeleiteten "Mindset" aufscheint, ist der explizite Handlungsimpuls des kritischen und vor allem öffentlichen Gebrauchs der Vernunft im Unternehmen. Um in der Analogie zu bleiben: Der interne öffentliche Vernunftgebrauch im Sinne einer offenen Auseinandersetzung mit den Strukturen und Prozessen liegt quasi im Jenseits der WoL Zirkel. Das unterscheidet wiederum WoL Zirkel deutlich vom Zeitalter der Aufklärung. Möglicherweise ist es zwar eine implizite Vorstellung, dass, wenn nur genügend Menschen die WoL-Zirkel durchlaufen haben, sich die Verhältnisse im Unternehmen ändern, so wie Lars Vollmer in obigem Zitat als Kausalitätskette anspricht. Das aber dürfte im Zeitalter der Postdemokratie Wunsch und Glaube bleiben und/oder mindestens weitere 200 Jahre dauern. Wie übrigens auch, die Hegelsche Dialektik lässt grüßen, die Aufklärung bereits ihr Gegenstück beinhaltete: den Gefühlskult, der "sich am Ende des Jahrhunderts als Gegenströmung zur Aufklärung artikulierte". Sich einfach nur auf der richtigen Seite zu fühlen hat gesellschaftlich noch nie etwas verändert.

 

Jenseits der Vernunft

Der öffentliche Vernunftgebrauch, wie er Immanuel Kant vorschwebte und dann tatsächlich eintrat, war sicher eine der zentralen Voraussetzungen dafür, dass sich im Anschluss an die Aufklärung Nationalstaaten, vor allem aber Demokratien im heutigen Sinne etabliert haben. Hinzu kommen mussten jedoch tatsächlich noch viele andere gesellschaftliche Bedingungen, die es schließlich ermöglicht haben, das Thema Macht und Struktur neu zu regeln. Dazu gehörte für diese Zeit sicher auch, den ein oder anderen "aufgeklärten Herrscher" (wer wäre das im Unternehmen?) zu haben. Nicht unterschätzt werden jedoch sollte der ökonomische Impuls der zu dieser Zeit entstehenden Weltwirtschaft, also ganz praktisch von anderen Interessen Mächtiger. Entwicklungen, die es ermöglicht haben, neue und andere Formen von Organisationen zu denken und aufzubauen. Diese Bedingungen lagen quasi jenseits der Vernunft, konnten aber vernünftig eingefangen und argumentativ wirksam werden.

Deshalb ein letzter Vergleich: die Epoche der Aufklärung stellte eine gesellschaftliche Transformation in einer Größenordnung dar, wie sie historisch (in Europa) bis dahin noch nicht vorgekommen war. So etwas ähnliches wird derzeit der digitalen Revolution unterstellt. Diese "Revolutionsbedingungen" mit WoL im Unternehmen zu schaffen und damit vernünftig neue Strukturen zu etablieren setzt zwingend argumentative Überzeugungsarbeit voraus, damit "richtiges" praktisches Handeln im Sinne einer Umgestaltung erfolgen kann.

Vielleicht hilft unser Beitrag, in die Debatte darüber einzusteigen, wie aus WoL Zirkeln eine vernünftige unternehmensinterne Aufklärung erwächst. Eine Aufklärung, die auch die strategischen Entscheidungsstrukturen und bisherigen Arbeitsprozesse in den Unternehmen deutlich in Frage stellt. Weil es so passend ist, noch ein letztes mal zurück zum Original: 

"Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählig zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird) und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln".

Dem haben wir nun wirklich nichts vernünftiges mehr hinzuzufügen.

 


Verwendete Literatur/Quellen

Immanuel Kant (1784): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Aufsatz verfügbar unter http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3505/1

Lars Vollmer (2018): Urlaub auf der WoL-Insel. Beitrag verfügbar unter https://intrinsify.de/urlaub-auf-der-wol-insel/

Ders. (2018): Diesseits der Vernunft. Blogbeitrag verfügbar unter https://larsvollmer.com/diesseits-der-vernunft/ 

Wikipedia (o.J.): Artikel Verstand, Vernunft, Moral, Kritik der praktischen Vernunft, Aufklärung

 

Über die Autoren

Siegfried Lautenbacher Gründer und Geschäftsführer
Gründer und Geschäftsführer bei Beck et al. Services. Lead Consultant für High Performance

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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