Eine Grammatik der digitalen Zusammenarbeit

Von Siegfried Lautenbacher Von Alexander Klier 30.12.2017
Eine Grammatik der digitalen Zusammenarbeit

“Entscheidend ist, dass beim kollaborativen Arbeiten innerhalb eines Teams nicht im vorhinein arbeitsteilig festgelegt wird, welches Teammitglied exakt welche Aufgabe übernimmt, sondern sich dies dynamisch aus dem Arbeitsprozess und den individuellen Fähigkeiten der Teammitglieder ergibt [...] Die Akteure sind dabei idealerweise vollkommen gleichberechtigt, Rechte, Pflichten und Aufgaben werden also nicht zentral explizit definiert” (Baumann-Gibbon & Menzel 2017, S. 167).
Bild: Alexander Klier. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) möglich.



Kinder und speziell Schüler*innen müssen die deutsche Grammatik nicht zwingend kennen, um Deutsch reden zu können. Im Gegenteil: das Erlernen der Sprache erfolgt in der jeweiligen Sprachgemeinschaft durch ganz praktisches Tun. Grammatikalisch korrekter Sprachgebrauch wird beispielsweise beim Lesen entsprechender Literatur eingeübt. Natürlich immer unter der Voraussetzung, dass diese Literatur auch grammatikalisch korrekt geschrieben ist. Das Fach Grammatik ist in der Schule nicht immer beliebt, will es doch das bereits vorhandene praktische Wissen, im Sinne einer Sprachhandlung, auf einer Metaebene sowohl in seiner Struktur begründen, als auch für den Handlungsvollzug regeln. So verstanden ist Grammatik sowohl die “Beschreibung der Struktur einer Sprache als Teil der Sprachwissenschaft”, als auch ein “Werk, in dem Sprachregeln aufgezeichnet sind”. Aufgezeichnet als normative Regeln eines korrekten Sprachgebrauchs. In einer Übertragung bedeutet Grammatik schließlich auch, etwas “Wesensbestimmendes” zu sein, also beispielsweise eine Beschreibung einer dem jeweiligen Thema “innewohnenden Struktur” zu liefern (Duden 1994, S. 529). Genau in diesem beschriebenen Sinne wollen wir eine Grammatik der digitalen Zusammenarbeit verstanden wissen: als Wesensbestimmung und Regelwerk einer gelingenden Umsetzung.

Warum schreiben wir eine Grammatik der digitalen Zusammenarbeit? Im Prinzip folgen wir damit der Idee, welche die Grammatik im Allgemeinen verfolgt: wir wollen die unterschiedlichen Strukturprinzipien einer digitalen Zusammenarbeit, die wir in ganz verschiedenen Blogbeiträgen (beispielsweise hier und hier), aber auch in anderen Publikationen geäußert und vertreten haben, sowie vor allem in der praktischen Umsetzung bei unseren Kunden erfahren haben, konzise zusammenfassen und eine Wesensbestimmung der digitalen Zusammenarbeit im originär philosophischen Sinn vornehmen. Bereits das Ansinnen, die Regeln der digitalen Zusammenarbeit nicht nur aufzuzeichnen, sondern auch weiter zu entwickeln, kann wiederum nur ein kollaborativer Akt sein. Als gültiges Regelwerk darf es also nicht nur auf unseren persönlichen Sichtweisen beruhen, sondern muss es, ganz wie die natürliche Sprache, Teil des Handlungsvollzugs der entsprechenden Community werden.

Mit diesem Beitrag werden wir nun thesenartig unsere Überzeugungen anbringen. Es bleibt der darauf aufbauenden gemeinsamen Diskussion und vor allem der praktischen Ausgestaltung vorbehalten, diese Grammatik und seine Regeln konsistent (= logisch zusammenhängend) als Grundregeln in den jeweiligen organisationalen Kontext zu überführen, wie wir es auch bei unseren Kund*innen tun. Auch hier starten wir zunächst mit der Grundregel, sozusagen als Basisregel oder als Regel aller (nachfolgenden) Regeln.

Die Grundregel


Digitale Zusammenarbeit = Synonym für (engl.) Social Collaboration [ˈsəʊʃəl kəˈlæbəreɪʃən] die; -, ...s, (dtsch.) soziale Kollaboration die; -, ...en; Gemeinsame und vernetzte Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Etymologie: Kollaboration wurde im 19. Jahrhundert dem französisch collaboration (= Zusammenarbeit) entlehnt. Es geht als Wort auf das lateinische collabōrāre (aus: con-'mit' und laborare-'arbeiten' = mit-arbeiten) zurück. Social, als zweiter Teil des Begriffs, ist ebenfalls dem Französischen entlehnt und stammt ursprünglich, wie auch Kollaboration, aus dem Lateinischen. Sociālis ist eine Ableitung aus dem Begriff "socius" und bedeutet so viel wie "teilnehmend, in Verbindung stehend, zugesellt".
Der Duden listet online zum Adjektiv "sozial" vier Bedeutungen auf. Eine davon lautet: "Die Gesellschaft und besonders ihre ökonomische und politische Struktur betreffend", in der gedruckten Fassung auch die Bedeutungen “menschlich, wohltätig, hilfsbereit” oder auch “gesellig lebend” (Duden 1994, S. 1280).

Aus obiger Grundregel lassen sich Einzelregeln, in ihrem Zusammenhang als Regelsatz insgesamt, ableiten. In der Praxis von Sprachgemeinschaften gilt, dass sich mit wenig Regeln und einem großen Wortschatz unendlich viele unterschiedliche Romane schreiben lassen. Es braucht dafür nur eine entsprechende Kreativität. Aus unserer Sicht gilt das auch für die Grammatik der digitalen Zusammenarbeit, die, wenn die Regeln entsprechend kreativ umgesetzt werden, eine organisational einzigartige Geschichte (Erfolgsstory) ergibt.

 

Die Regeln der Grammatik

  1. Menschen sind von Natur aus, also geborene Teamplayer. Die Möglichkeit zur sozialen Kollaboration ist insofern eine Grundeigenschaft aller Beschäftigten.
  2. Die kleinste ökonomische Wertschöpfungseinheit ist das Team (Community). D.h., die individuelle Leistungsfähigkeit im Sinne einer produktiven Befähigung ergibt sich immer aus dem Gruppenkontext.
  3. Soll dieser Zusammenhang im Sinne einer organisationalen Wertschöpfung fruchtbar gemacht werden, so ist der Bauplan dieser Organisation im Sinne der Ermöglichung von Communities zu gestalten.
  4. (Digitale) Communities weisen bestimmte Eigenschaften auf, die für sie konstitutiv sind. Dazu gehören das Prinzip der Augenhöhe genauso wie die (tatsächliche) Autonomie der Gestaltung der internen Zusammenarbeit.
  5. Communities können nicht bestimmt oder “installiert” werden, sie entstehen durch Vernetzung derjenigen Beschäftigen untereinander, die ein Thema gemeinsam befördern, ein Produkt (eine Dienstleistung) zusammen erstellen oder ein Problem kollaborativ lösen wollen.
  6. Führungsaufgaben in Communities werden anhand von Rollen verteilt, die temporär nach den jeweiligen Aufgaben und Fähigkeiten der Teammitglieder besetzt werden.
  7. Der Zusammenhang und die Orientierung der Communities an den übergeordneten Unternehmenszielen wird zum einen über das jeweilige Interessengebiet der Community, zum anderen über das Leben der Werte des jeweiligen Unternehmens durch die Community-Mitglieder hergestellt.
  8. Ein Leben der Werte, wie beispielsweise die Wertschätzung von Kunden, gelingt ausschließlich darüber, dass die Beschäftigten in einer digitalen Organisation selbst in diesem jeweiligen Sinne anerkannt werden.
  9. Teilen und (sich) Mit-teilen ergeben sich aus der kollaborativen Grundveranlagung, sind also ebenfalls grundsätzliche und angeborene Fähigkeiten von arbeitenden Menschen. Die konkrete Ausgestaltung der Prozesse in Organisationen entscheidet darüber, wie leicht dies beispielsweise über digitale Plattformen möglich wird.
  10. Auch das (digitale) Corporate Learning entspricht dem kollaborativen Zusammenhang. Es ist dann produktiv, wenn Social Learning praktiziert und Wissen gemeinsam generiert sowie vernetzt geteilt wird.
  11. Prinzipien wie etwa Wol (Working out loud) oder Formate wie etwa Barcamps befähigen zum Lernen dieser Regeln und sind insofern fester Bestandteil eines institutionalisierten digitalen Corporate Social Learning.
  12. Eine Kultur der Digitalität, gründend auf den Prinzipien Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität (Felix Stalder), ergibt sich als Kultur in Unternehmen aus der konsequenten Umsetzung der vorstehenden Regeln. Erst dann nämlich können sich die Beschäftigten als Menschen persönlich und gleichberechtigt begegnen (Gemeinschaftlichkeit), im Rahmen von Communities gemeinsam Wissen entwickeln und vernetzt teilen (Referentialität) sowie digitale Technologien partizipativ und vertrauensvoll in der täglichen Zusammenarbeit verwenden (Algorithmizität). Erst aus dem Zusammenspiel der Regeln im Rahmen einer solchen Kultur entsteht auch die Dynamik einer grundlegenden Transformation. Der umgekehrte Fall gilt nicht.

Dies ist nun unser erster Formulierungsvorschlag für eine Grammatik der digitalen Zusammenarbeit. Natürlich gilt auch hier, was wir oben bezüglich der Grammatik allgemein angemerkt haben: man muss die Regeln nicht explizit kennen und detailgetreu ausführen, um eine digitale Organisation aufzubauen oder einen Wandel dorthin zu initiieren. Andererseits aber helfen sie dabei, einen Blick darauf zu werfen, auf was es eigentlich ankommt und welche Schritte möglicherweise in einer sinnvollen Reihenfolge der Reihe nach anzugehen sind. Zentral für ein Gelingen ist aus unserer Sicht dabei mindestens, den normativen Anspruch, der hinter den Regeln - und dahinter noch einmal hinter dem Menschenbild - steckt, im organisationalen Handlungszusammenhang einzulösen.

Wir sind gespannt auf weiterführende Ideen, kritische Einwürfe und natürlich andere Beispiele ganz praktischer Erfolge bei der organisationalen Umsetzung. Das Arbeiten im Sinne dieses grammatikalischen Werkes ist unser ganz persönliches Vorhaben für das Jahr 2018. Entsprechend werden wir unsere Tools gestalten die unterschiedlichen Beiträge dazu sammeln. Wir wünschen allen, die uns dabei begleiten und natürlich auch allen, die uns sonst kennengelernt haben, einen kraftvollen Start in dieses neue Jahr. Das Thema einer digitalen sozialen Kollaboration bleibt weiterhin auf der Tagesordnung und spannend im wahrsten Sinne des Wortes.

 


Quellen und Werke:

  • Oliver Baumann-Gibbon / Miriam Menzel (2017): Kollaboratives Arbeiten: Hintergrund und Beispiele aus der Bildungspraxis und Anregungen für die historisch-politische Bildung. In: Daniel Bernsen &Ulf Kerber (Hrsg.): Praxishandbuch historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter. Schriftenreihe Bd. 10045. Bonn: bpb ( Bundeszentrale für politische Bildung).
  • Duden (1994): Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. Mannheim: Brockhaus AG
  • Bernd Oesterreich / Claudia Schröder (2017): Das kollegial geführte Unternehmen. München: Vahlen
  • Felix Stalder (2016): Kultur der Digitalität. Frankfurt: Suhrkamp
  • Michael Tomasello (2010): Warum wir kooperieren. Frankfurt: Suhrkamp

Über die Autoren

Siegfried Lautenbacher Gründer und Geschäftsführer
Gründer und Geschäftsführer bei Beck et al. Services. Lead Consultant für High Performance

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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