Labor.A - Bericht von einer analogen Plattform

Von Alexander Klier 26.09.2018
Labor.A - Bericht von einer analogen Plattform

"Die LABOR.A soll eine Plattform für den Austausch zwischen betrieblichen Akteur/innen, Wissenschaft, Thinktanks, Politik und Gewerkschaften bilden. Das kollaborativ geplante Programm verbindet in Sessions und auf dem Markt der Möglichkeiten die vielfältigen Aktivitäten der Hans-Böckler-Stiftung zur Arbeit der Zukunft mit den Beiträgen externer Programmpartner/-innen" (HBS).
Bild: Der Eingang zur Tagung im Cafe Moskau in Berlin - Alexander Klier. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons BY-SA möglich.

Am 13. September 2018 fand im Cafe Moskau in Berlin die Labor.A als "Plattform der Zukunft" statt. Maßgeblich organisiert von der Hans-Böckler-Stiftung - mit einer breiten Palette von über 30 Partnerorganisationen wie beispielsweise der Bertelsmann Stiftung, der Bundeszentrale für politische Bildung, der IG Metall, der Konrad-Adenauer-Stiftung oder auch dem Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen - bot sie die Gelegenheit, sich im Rahmen von über 30 Veranstaltungsformaten zum Thema Zukunft der Arbeit auszutauschen und über konkrete Veränderungen in diesem Bereich zu informieren. Die Labor.A war das konkrete Ergebnis des 2017 veröffentlichten Berichts der Kommission "Arbeit der Zukunft" mit dem Titel "Arbeit transformieren!". Ich hatte das Glück, an der ausgebuchten Tagung teilnehmen zu können und möchte anhand der drei Aspekte Rahmen, Durchführung und Inhalte meine Einschätzung dazu wiedergeben.

 

Der Rahmen

Es war ein straffes Programm, das da auf die Füße gestellt worden ist. Von 09:00 Uhr bis um 18:45 Uhr gab es über 30 unterschiedliche Formate, sich auf die vielfältigen Themen einzulassen. Für mich, der viel mit digitalen Plattformen in Unternehmen zu tun hat, ergab sich bei dieser Gelegenheit die erste Verwirrung über die Verwendung des Begriffs Plattform. Denn offensichtlich verstanden die Veranstalter die Labor.A (als Veranstaltung) als solche, nicht etwa die Einführung einer digitalen Plattform und auch nicht die Nutzung einer vorhandenen. An sich war die Verwendung erst einmal tatsächlich die konsequente Fortführung dessen, was im dieser Tagung zu Grunde liegenden Kommissionsbericht als zentral koordinierter "Dialog über die Qualität von Arbeit in Deutschland" angeregt worden war. Eine - zumindest begleitende - digitale Plattform hätte sich für das angedachte Vernetzen tatsächlich wunderbar geeignet, doch leider fehlt nun dem Ganzen die Möglichkeit, den begonnenen Prozess zeitnah und ortsunabhängig über eine digitale Plattform weiter am Laufen zu halten. Immerhin wurden die verschiedenen Panels, Sessions und Pitches aufgezeichnet. Vielleicht ergibt sich nach Veröffentlichung der Ergebnisse die Möglichkeit, sich zu einzelnen Themen mit Teilnehmer*innen zu vernetzen und gemeinsam daran weiter zu arbeiten.

 

Analoge Durchführung ...

Ebenfalls noch ganz analog war die Veranstaltungsform. Für mich stellte es sich so dar, dass es im wesentlichen darum ging, dem Publikum Thesen und Forschungsergebnisse zu präsentieren, weniger darum, sie mit den Anwesenden zu diskutieren oder gar kritisch einzuschätzen oder in die Praxis zu übertragen. Dazu war im Regelfall weder die Zeit gegeben, noch das entsprechende Setting in den Sessions und Panels, die allzu oft als Podiumsdiskussionen organisiert waren. Was an dieser Stelle jedoch sehr erwähnenswert ist, das ist tatsächlich der Punkt, wie die sehr vielen Partnerorganisationen eingebunden worden waren: Im Prinzip als Themenpaten, die sich um verschiedene Aspekte verantwortlich gesorgt haben. So wurde beispielsweise die Session "Auf der Suche nach der Digitalisierungsdividende" vom Institut für die Geschichte und die Zukunft der Arbeit (IGZA) ausgerichtet. Das jedenfalls kam dem Plattformgedanken mit verschiedenen Communities schon deutlich näher.

Die Labor.A war voll ausgebucht, was bedeutet, dass im Tagesverlauf etwa 600 Besucher*innen daran teilgenommen haben. Insofern waren auch die Panels, Workshops und sonstigen Formate im Regelfall voll besetzt. Vor allem zeugt es aber von der Brisanz des Themas der digitalen Transformation von Arbeit. Auf der Bühne: Dr. Julia Kropf (Hans-Böckler-Stiftung) als Moderatorin.

Bild: Das Eröffnungspanel - Alexander Klier. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons BY-SA möglich.

 

Von der analogen Vorstellung zeugte auch der (parallele) Markt der Möglichkeiten mit seinen Themenstationen und den Expertentalks. "Meet the Expert" hieß es konsequenterweise während der Mittagspause im Erdgeschoss. Es ist sicher richtig, dass das für einen erheblichen Anteil der Teilnehmer*innen die "richtige" Veranstaltungsform war, weil sie sich einfach auf den Stand der Dinge bringen wollten. Dennoch ist aus meiner Sicht genau dadurch das Potential vergeben worden, die Expertise und Praxis, die in Form des Publikums gar nicht so selten vorhanden war, einzubeziehen. Zumindest in den von mir besuchten Veranstaltungen war dazu fast nie Zeit, in den Panels war eine Diskussion mit den Teilnehmer*innen von vornherein nicht vorgesehen. Insofern war auch das Fehlen einer Twitterwall, mittels der die Veranstalter interessante Aspekte aus dem Publikum für die Plenumsdiskussionen hätten einfangen können, dem weitgehend analogen Veranstaltungsformat geschuldet. Der Hashtag #labora18 diente eigentlich rein der "Bewerbung" der Veranstaltung im Vorfeld und einiger Ergebnisse daraus im Nachgang. Aber immerhin: über den Hashtag gab es interessante Hinweise auf Teilaspekte des Rahmenthemas auch während der Veranstaltung.
 

... digitaler Inhalte

Es hörte sich schon gut an: Kollaborativ geplantes Programm, Plattform für den Austausch und Zukunft der Arbeit. Neugierig auf die Tagung war ich durch die Ankündigung geworden, dass es auf der Veranstaltung auch darum gehen sollte, den Arbeitnehmerbegriff neu zu diskutieren. "Statt wie bislang Beschäftigte einzuteilen in die, die dazugehören, und die anderen, die nicht dazugehören, gilt es, ein neues System abgestufter Rechte zu finden und einen Arbeitnehmerbegriff, der für die digitale Transformation trägt" (Kommissionsbericht, S. 28). Oder auch, wie digitale Tools zur Kollektivbildung, verstanden als kollektive Interessenvertretung, beitragen können. "Weiter gehend sind Ideen zu Gründung von Plattformkooperativen, d. h. von Plattformen im Besitz von Genossenschaften. Die Plattformtechnologie soll hier verbunden werden mit guten Arbeitsbedingungen und dem gemeinnützigen Geschäftsmodell einer Genossenschaft" (a.a.O., S. 39). Bedauerlicherweise war ich nicht in den Foren, in denen diese Dinge explizit zur Sprache kamen.

Beim Panel "Service Economy und Dienstleistungsarbeit - alles neu durch 'Künstliche Intelligenz'" gab es für mich ein erstes Highlight in der Diskussion (s.u.) durch Andreas Boes.

Bild: Tweet von Alexander Klier

 

Naturgemäß kann ich ohnehin nur einen kleinen Ausschnitt dessen wiedergeben, was auf der Labor.A diskutiert worden ist. Aber zwei wegweisende Inputs und Diskussionen, auf die ich hinweisen möchte, gab es für mich dann doch: Zum einen während des Panels "Service Economy und Dienstleistungsarbeit - alles neu durch 'Künstliche Intelligenz'" (ausgerichtet von der Hans-Böckler-Stiftung) und zum anderen während der Session "Agile Arbeitswelten nachhaltig gestalten" (ausgerichtet vom ISF München).

  1. Obiger Tweet ist während des an erster Stelle genannten Panels entstanden. Andreas Boes vom ISF (Institut für sozialwissenschaftliche Forschung) in München hat mit der Aussage, dass der Betrieb im digitalen Zusammenhang als sozialer Raum zu definieren sei, und nicht als physischer Ort bestimmt werden kann, den ersten Meilenstein zur Weiterentwicklung des Arbeitsrechts ins Spiel gebracht. Dazu gehören auch die weiteren Aussagen von ihm, dass Communities auf den digitalen Plattformen soziale Zugehörigkeiten kennzeichnen, was ebenfalls für die Definition des sozialen Raumes spricht. Auf den Punkt hatte er ebenfalls gebracht, dass genau dieser Zusammenhang auch die Gewerkschaften vor die Herausforderung stellt, "in Beziehung gehen zu müssen". Führe ich diese Überlegungen weiter, so bedeutet das, dass die Gewerkschaften mindestens die Idee der Vernetzung und des Netzwerks in digitalen Betrieben umsetzen müssen, um ihre Arbeit erfolgreich weiterzuführen.

  2. Am Ende der Tagung habe ich das Team vom ISF München noch einmal in einer Session getroffen. Auch hier gab es eine für mich prägnanten Aspekt, nämlich den, dass agile Teams den Sprung in eine nachhaltige Arbeit nur dann schaffen, wenn sie dafür sorgen können, dass sie auch bezüglich der Ressourcenausstattung eine Mitbestimmung bekommen. Was, am Beispiel des Scrum gezeigt, klassischerweise eine zentrale Aufgabe des Scrummasters darstellt. Davon zu unterscheiden sind in den Augen der Forscher des ISF die "Potemkinschen" Scrums, die zu ausgebrannten (verbrannten) Teams führen, gerade weil sie keinen Zugang zu den betrieblichen Ressourcen haben.

 

Ambivalenzen

Nach einem anstrengenden Tag ging ich mit sehr gemischten Gefühlen von der Labor.A weg. Inhaltlich war die Veranstaltung durchaus sehr gelungen. Ebenfalls möchte ich hervorheben, dass sie einen großen Schritt zur Beantwortung drängender Fragen auf dem Weg zu einer digitalen Arbeitswelt bedeutete. Umso bedauerlicher fand ich es, dass das, was positiv in der digitalen Transformation der Arbeit aufscheint, für die Tagung selbst nicht wirklich umgesetzt worden ist. Das betrifft vor allem das Thema der Nichtverwendung einer mindestens begleitenden digitalen Plattform, die sowohl für die Vorbereitung, als auch vor allem für die spätere Vernetzung und Vertiefung der Themen oder für Praxibeispiele sehr wertvoll hätte sein können.

Aber solche Ambivalenzen sind wiederum normal in einer VUCA Welt. Ein Vorgehen dergestalt, die Tagung selbst kollaborativ anzulegen (und nicht nur die Vorbereitung der Inhalte) und digital zu begleiten, wird im Regelfall bisher nur in den seltensten Fällen praktiziert. Hinzu kommt, dass ein kollaboratives Tagen auch keinesfalls trivial umzusetzen ist. Insofern sehe ich das als Lernmöglichkeit für die nächste Labor.A, die es nach Aussagen von Michael Guggemoos, dem Geschäftsführer der Hans-Böckler-Stiftung, "höchstwahrscheinlich" geben wird. Sollte es Diskussionsbedarf bezüglich einer digitalen und kollaborativen Ausgestaltung geben, stehen ich und wir als Team bei BeaS selbstverständlich dafür zur Verfügung :-).

 


Anmerkung vom 27.09.2018: Ursprünglich hatte ich von Voraussetzungen geschrieben, die richtigerweise eigentlich den Rahmen und Kontext gekennzeichnet haben. Insofern habe ich eine Korrektur vorgenommen und die Korrektur zum Anlass genommen, kleinere Ergänzungen des Textes (meist bei den Ambivalenzen) und vor allem der Überschriften anzubringen.


Einen ersten Bericht im Magazin Mitbestimmung gibt es hier: https://www.magazin-mitbestimmung.de/artikel/LABOR.A+-+gelungener+Wettstreit+der+guten+Ideen@7396?issue=7349

Die Dokumentationen und auch weitere Materialien finden sich über diese Seite: https://www.boeckler.de/veranstaltung_114419.htm

Die Videos befinden sich in einer eigenen YouTube Playlist hier: https://www.youtube.com/playlist?list=PLRIU-ZP0fg52rk79_LONlA2OLHSleIifh

 

Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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