Was soll eigentlich neu an der Neuen Arbeit sein?

Von Siegfried Lautenbacher Von Alexander Klier 26.05.2017
Was soll eigentlich neu an der Neuen Arbeit sein?

"Gegenüber diesem Mann, der nicht arbeiten kann stehen zwei Männer, die scheinbar nichts zu tun haben. Dies sind die Kopfarbeiter, die, obwohl sie müßig erscheinen, arbeiten und die der Grund für wohlgeordnete Arbeit und das Glücklichsein anderer sind." Es gibt eine schöne Beschreibung von Ford Madox Brown über seine Gedanken zu diesem Bild, das er mit dem prägnanten Titel "Arbeit" bezeichnet hat. Und eine allgemeinere Beschreibung auf der englischen Wikipedia.

Es gut geeignet zu zeigen, wie sehr sich die Vorstellung von Arbeit in der Gesellschaft, heute als Erwerbsarbeit zu sehen, gewandelt hat. Zu dieser Zeit von einer ländlichen "Idylle" hin zu einer städtischen Ökonomie in London (Hampstead). Es ist zugleich ein Hinweis darauf, dass die New Work Debatte häufig ohne diese historischen Bezüge, die wichtig sind, argumentiert. "Die Zäune um die Baugrube trennen die Realität der produktiven Arbeit von der Muße, Trägheit und unproduktiven Arbeit."

Bild (=Beitragsbild): Ford Madox Brown – Work (Google Art Project). Verwendung als gemeinfreie Datei. 

Wenn Winfried Felser zu einer Blogparade aufruft, dann folgen wir natürlich, wenn auch mit Zeitverzug. Mit umso mehr Verve mischen wir uns hiermit in die Diskussion ein:

  • zum einen, weil ja Alexander Klier sich im Rahmen seines privaten Blogs (hier) kritisch mit dem Buch von Markus Väth auseinandergesetzt hat,
  • zum anderen auch deshalb, weil wir es nicht mehr hören können und daher lieber selber schreiben. 

"So scheint nun auch für New Work jenseits der anfänglichen Mythen und trotz aller berechtigten Kritik die Zeit für eine breite Praxisrelevanz gekommen zu sein" schreibt Winfried Felser im Rahmen seines Eröffnungsblogs. Damit setzt er etwas, was in unseren Augen noch so gar nicht richtig geklärt ist. Er macht nämlich aus einem Begriff (New Work, wörtlich übersetzt ja "Neue Arbeit"), kurzerhand ein Konzept, das in der Praxis einsetzbar sei.

Das wollen wir uns doch nochmal genauer anschauen und verbleiben, wie es gute Tradition bei BeaS ist, erst einmal beim Begriff. Wir stellen uns also zunächst die Frage, was genau denn eigentlich „Neue Arbeit“ sein soll und noch genauer was das Neue des Neuen darin sein könnte. Zumindest in der philosophischen Tradition nämlich gibt es zum Thema Arbeit und ihrer Gestaltung, sowie ihrem Stellenwert, eine Diskussion, die über 2000 Jahre zurück reicht. Um auf diese Frage eine Antwort geben zu können kommen wir nicht umhin, uns mit dem Namensgeber der Bewegung oder des Konzeptes, nämlich Frithjof Bergmann, und seinen initialen Impulsen zu beschäftigen, die eine historisch sehr viel jüngeren Zeitraum zur Grundlage haben. Er sieht das Neue in dieser künftigen Arbeitswelt darin, dass sie in einer Mischung besteht zu jeweils einem Drittel aus 1. einer gekürzten Erwerbsarbeit als finanzielle Basis, 2. einem gleich großen Anteil an Arbeit, die Menschen "wirklich, wirklich" wollen sowie 3. einem letzten zeitlichen Anteil als Hochtechnologie der Selbstversorgung.

Unser Blogbeitrag spürt in den ersten drei Teilen dem Konzept nach und setzt sich mit dem, was er ursprünglich begrifflich und konzeptuell in die Welt gesetzt hat, auseinander. Im letzten Teil schlagen wir eine andere Utopie vor. Denn, und hier schließen wir uns den sehr fruchtbaren Ausführungen von Cemo an, die New-Work Debatte braucht "dringend konkrete utopische Forderungen".

 

1 v. 3 – Kurze Erwerbsarbeit

"Die Arbeit ist die Quelle allen Reichtums, sagen die politischen Ökonomen. Sie ist dies - neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichtum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen" (Friedrich Engels).

Erwerbsarbeit ist historisch gesehen die Art von Arbeitstätigkeiten, die mit der Entstehung industrieller Großbetriebe und der wissenschaftlichen Betriebsführung à la Frederic Taylor untrennbar verbunden ist. Ebenfalls historisch gesehen stellt Erwerbsarbeit, verstanden als Verrichten einer Arbeitstätigkeit gegen Lohn, jedoch nur eine sehr kurze Form der Organisation von Zusammenarbeit auf gesellschaftlicher und organisationaler Ebene dar. Dennoch ist sie dazu geeignet gewesen, eine Reihe problematischer begrifflicher Trennungen zu etablieren. Freizeit beispielsweise ist von der Entstehungsgeschichte her das Gegenteil von bezahlter Erwerbsarbeit. Freizeit wurde im Kontext der Diskussion um Work-Life-Balance oft gleichgesetzt mit dem Leben des Begriffspaares, so, als würde man in der Arbeit nicht leben - und im Leben nicht arbeiten. Erwerbsarbeit bedeutet zusätzlich (je nach Autor) entfremdete Arbeit oder auch entfremdete Zeit, wenn es den Zwangscharakter des Arbeitens in der Fabrik betont. Davon profitiert wiederum der Begriff Freizeit, indem er die freie Verwendung von Zeit, zumindest der Möglichkeit nach, betont. Sie ist aber faktisch eher selten freie Zeit im Wortsinne, da sie viele private und gesellschaftliche Ansprüche, Verpflichtungen oder auch Notwendigkeiten beinhaltet. Wir werden im zweiten und dritten Teil darauf zurückkommen.

Frithjof Bergmann geht nun bei der Entwicklung des Begriffs New Work davon aus, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit – im Sinne der bezahlten Erwerbsarbeit – ausgehen würde. Zunächst einmal eine nicht allzu neue These. Um die verbleibende Arbeit "gerecht" aufzuteilen, sollten in der neuen Zeit die Menschen nur noch zu einem Drittel dieser Art von Tätigkeit nachgehen. Hier war sie wieder, unsere Frage. Was genau ist daran eigentlich neu jenseits einer anderen Aufteilung eines möglicherweise knappen Guts? Eigentlich erfolgt in unseren Augen mit dieser Fixierung auf die Erwerbsarbeit eine Festschreibung "zufälliger", jedenfalls nicht zwingend notwendiger kultureller Muster und Vorstellungen, wie Arbeit zu organisieren ist. Gerade die Diskussion um die Möglichkeiten digitaler Plattformen im Rahmen der kollaborativer Zusammenarbeit zeigt, dass auch andere Formen, die Erwerbsarbeit zu organisieren, real möglich sind. Diese sind beispielsweise dazu geeignet, den Zwangscharakter wenn schon nicht "aufzuheben", so doch zumindest deutlich abzumildern, und im Prinzip zu Formen der Zusammenarbeit zurückzukehren, welche die historischen Vorläufer der Fabrikarbeit waren. Das kann man besonders gut an der Entwicklung der Arbeitszeit zeigen.

Arbeitszeiten während der vor- und frühindustriellen Phase beispielsweise waren keine absolut vorgegebenen oder an abstrakten Zeiteinheiten orientierte Größen. Vielmehr waren sie aufgabenbezogen und eingebunden in soziale oder ereignisorientierte Sachverhalte. Zeit wurde zwar zur Strukturierung der Arbeit verwendet, sie war aber kein wertbildender Faktor. Im Handwerk und dem frühen Industrieproletariat herrschten deshalb eher eine Orientierung an der zu bewältigenden Arbeit und die dementsprechende Rhythmik vor. Vor allem gab es noch keine strikte Trennung der verschiedenen Tätigkeits- und Lebensbereiche. Soziale Tätigkeiten, Reden, Feiern und Essen wurden ganz selbstverständlich in den Arbeitsprozess integriert, d.h. lebensweltliche Aspekte wurden auch während der Arbeitszeit vollzogen (Vgl. hierzu Deutschmann 1990, Maurer 1992, Thompson 1967). Wirklich neu im Sinne von innovativ wäre für uns New Work als Bewegung dann, wenn es diese neuen Freiheiten während der Erwerbsarbeit, die für uns die eigentliche Möglichkeit der digitalen Revolution darstellen, betonen und einfordern würde. Sich also nicht nur auf das Faktum versteift, dass man eben notgedrungen zu einem Drittel seiner Arbeitstätigkeit mit Erwerbsarbeit verbringen müsste, ohne diese verändern zu können. Eine Transformation der Erwerbsarbeit in diesem Sinne würde auch das zweite Drittel der neuen Arbeit von Frithjof Bergmann deutlich anders aussehen lassen.
 

2 v. 3 – Arbeit, die man "wirklich, wirklich will"

Es ist schon ein arg grobes Missverständnis, davon auszugehen, dass Menschen, selbst mit dem zum Teil sehr starken Zwangscharakter von Erwerbsarbeit (je nach Art der Tätigkeit unterschiedlich ausgeprägt), nur in die Arbeit gehen, um Geld zu verdienen. Also sozusagen im Leben danach "eigentlich ganz anders sind", aber "nur so selten dazu kommen". Es gibt viele psychologische und soziologische Studien dazu, wie prägend die Arbeit (positiv wie negativ) für die Entwicklung eigener Vorstellungen und Wünsche tatsächlich ist. Und das nicht nur, weil man durchschnittlich etwa ein Drittel seines Lebens damit verbringt. Die prägende Entwicklung hat damit zu tun, dass Arbeit eben auch bedeutet, Kompetenzen zu entwickeln, Wertschätzung zu erfahren, oder Anerkennung für Leistungen – vor allem aus dem kollegialen Kreis – zu bekommen. Feedbacks wie Anerkennung und Wertschätzung während der Arbeit sind sogar elementar, diese motiviert auszuführen. Was spätestens dann zum Tragen kommt, wenn diese Bedingungen fehlen. Mit all den Konsequenzen die unter dem Begriff "innere Kündigung" beschrieben werden. Uns scheint, dass Frithjof Bergmann hier ebenfalls nur die Trennung von Arbeit und Freizeit fortgeschrieben hat, möglicherweise sogar entgegen seiner Absicht. Im Prinzip eine pure Ausdehnung der Freizeit als die Zeit, in der man seinen Hobbys nachgehen und selbstbestimmt über die Erledigung der daraus resultierenden Verpflichtungen nachdenken kann. Nicht wirklich neu, oder?

Was nun könnte Arbeit, die man "wirklich, wirklich will" darüber hinaus bedeuten? Warum will man sie "wirklich, wirklich"? Warum überhaupt "wirklich, wirklich" und nicht einfach nur wirk-lich? Reichert man im Rahmen der digitalen Transformation die Erwerbsarbeit, wie von uns oben beschrieben, um die Freiheitsgrade an, die im Rahmen digitaler Plattformen Voraussetzung sind, dass diese performant im Sinne einer sozialen Kollaboration funktionieren und von den Betroffenen angenommen werden, dürfte vielfach zum Vorschein kommen, dass es gar nicht um den genauen Inhalt geht, sondern um die Form, wie Zusammenarbeit organisiert ist und Kollaboration vollzogen werden kann. Wirk-lich verstanden als wirksam werden oder etwas zu bewirken. Wirk-lich verstanden im Sinne etwas beizutragen oder auch gemeinsam mit anderen etwas zu bewältigen und dabei bestätigt zu werden, also beispielsweise Feedback zu bekommen, dass man etwas besonders gut kann. Erst darüber kommt es dazu, die eigene Identität auszubilden und zu wissen, was man eigentlich will. So zumindest würden wir "unseren" Hegel, und die gegenseitige Anerkennung als Voraussetzung für die Bildung eines Selbst-Bewusstseins, hier ins Spiel bringen. Wirklich neu wäre für uns insofern erst eine Vision, in der neue Arbeit als Möglichkeit einer Vergemeinschaftung zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen unter freien und gleichen Menschen (Prinzip Augenhöhe) verstanden und dementsprechend verwirklicht wird. Die Filme der Reihe Augenhöhe zeigen in unseren Augen sehr plastisch, wie erfüllend das sein kann. Jedenfalls so anziehend, dass man diese Arbeit - auch als Erwerbsarbeit organisiert - "wirklich, wirklich will" (oder zumindest wollen kann), weil man wirk-lich etwas in der und für die Organisation beitragen kann. Spätestens hier kommen Erwerbsarbeit und selbstbestimmte Arbeit wieder zusammen zu einem sozialen Lebensentwurf.

 

3 v. 3 – "High-Tech-Self-Providing" und "smart consumption"

Nähern wir uns dem letzten Drittel des Konzepts von New Work, das Frithjof Bergmann darin sieht, dass Menschen über eine Selbstversorgung aufgrund von Hochtechnologie dazu in der Lage sind, die beiden ersten Drittel, in der beschriebenen Form, leben zu können. Verbunden ist bei ihm damit die Vorstellung, dass darüber der Konsum von Menschen zurückgeht, weil er nun klug und wohlüberlegt, also smart, erfolgt. Es ehrt ihn, dass er bei der Entwicklung dieses Gedankens auf seine Zeit im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit zurückblickt. Aber auch hier stellen wir fest: der Gedanke ist nicht neu. Vor allem aber führt er, konsequent zu Ende gedacht, nicht zu einer neuen Form von Arbeit und Zusammenleben. Diesmal tatsächlich entgegen seiner Absicht geht der gesamte Ansatz in unseren Augen von einer grundsätzlich falschen (und tatsächlich neoliberalen) Prämisse aus, wenn er den modernen Robinson Crusoe aufzeichnet. Zurück zu Bergmann: Gedanklich können in Zukunft "technische Alleskönner" die lebensnotwendigen Güter zur Grundversorgung herstellen, ganz ähnlich wie die Replikatoren bei Star Trek. Gegen eine solche Vorstellung – als wünschenswerte Utopie – lassen sich sicher eine Reihe von Gründen anführen. Wir wollen uns noch einmal auf die Argumentation von Arbeit als Konstitutivum und Wesensart von Menschen begrenzen.

Unser Haupteinwand geht zunächst vom Begriff der Güter aus. Güter ist der Plural von Gut und entstehungsgeschichtlich kommt es vom "gut sein" (oder "gut tun") für Menschen. Ein "Gut" für Menschen zu sein ist dabei nicht ausschließlich auf Objekte und deren Besitz zu reduzieren, insofern gibt es auch immaterielle Güter oder Rechtsgüter. Auch arbeiten zu können (die Arbeitsfähigkeit) ist ein solches Gut und entsprechend gibt es gute (und schlechte) Arbeit. Aus den empirischen Untersuchungen (am Beispiel des Hungers) des indischen Ökonomen Amartya Sen kann man drei weitere Dinge ableiten:

  1. Der Weg, wie man zu einem Gut (Essen) kommt, ob man es also beispielsweise durch eigene Tätigkeit erwirbt (verdient) oder einfach staatlich zugewiesen bekommt bzw. über Replikatoren zur Verfügung stellt, spielt eine elementare Rolle für das Selbstbewusstsein und die Würde von Menschen.

  2. Betrachtet man das Problem des Hungers, dann kommt es zur Lösung des Problems überhaupt nicht auf Technik an. Das Problem ist der Zugang der Menschen zu Nahrung und Aufgabe die Gewährleistung eines freien Zugangs, also einer Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum.

  3. Streng genommen kommt es auch gar nicht auf das Gut (an sich) an, sondern darauf, was Menschen (für sich) damit machen können. Was können Sie mit den entsprechenden Gütern für ein Leben führen? Erst wenn hierbei das gute Leben in den Fokus gerät, kann Gütern das "gut sein für Menschen" zugeschrieben werden. Ob dies mit Hochtechnologie, Low-Budget Technologie oder gar über rein soziale Technologien gewährleistet wird, ist hierfür überhaupt nicht entscheidend.

Beziehen wir das noch einmal zurück auf die Arbeit: Wie oben schon erwähnt, ist der Gegenbegriff zur Erwerbsarbeit, also die Freizeit, eigentlich gar keine Freizeit. Im Gegenteil: Hinter Hausarbeit, Erziehung und Betreuungsleistungen steckt oft harte körperliche Arbeit, auch wenn sie in der Freizeit erfolgt. Dies gilt auch für die "Pflege" sozialer Kontakte – und selbstverständlich für die Sicherstellung der Versorgung, beispielsweise der Familie (also nicht nur von mir selber), mit Grundgütern. Obwohl diese Tätigkeiten Eigenschaften aufweisen, die auch in der Erwerbsarbeit stecken (Notwendigkeit, Verpflichtungen, Rücksicht auf andere) sind es Arbeiten, bei denen es ziemlich entscheidend ist, wie sie ausgeführt werden. Darüber hinaus es sind Tätigkeiten, die für die eigene Identitätsbildung von Menschen notwendige und gute Arbeiten darstellen, weil sie Güter bilden. Mit anderen Worten: gerade weil sich daraus individuelle Verpflichtungen oder Zwänge ergeben, zeigt sich in den Pflege- und Fürsorgetätigkeiten die gemeinsame Bedingtheit jeder Individualität. Fürsorge ist dabei nicht beschränkt auf rein leibliche Bedürftigkeit, sondern wesentlicher Teil menschlicher Kommunikation und Interaktion.

Vor diesem Hintergrund stellt sich uns deshalb abermals die Frage: Was ist das Neue an New Work? Eine neue Arbeit ergibt sich unserer Ansicht nach erst dann, wenn die soziale Dimensionen von Fürsorge, Anerkennung und Pflege, sowie ihr Verpflichtungscharakter, Bestandteil der täglichen Arbeit und Zusammenarbeit werden. Dabei geht es uns ausdrücklich nicht nur um eine stärkere Anerkennung sozialer Berufe oder personaler Dienstleistungen. Es geht um ein völlig neues Verständnis, welche Grundlagen (produktive) Erwerbsarbeit hat und wie die Basis dafür geschaffen wird, als Gut zur Verfügung zu stehen. Mindestens kann man sagen, dass die gesamte Diskussion um geschlechtergerechte Verteilung von Arbeit, die sich am Bereich der Fürsorge besonders gut zeigen lässt, kein Thema für die New Work Bewegung ist. In unseren Augen nicht direkt verwunderlich, weil es bereits bei der "Grundlegung" und Reduzierung der Versorgung auf Konsumgüter kein Thema war.
 

Das gute Leben oder: Zeit für eine dialektische Transformation

"Die Arbeit ist zunächst ein [...] Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert [...] Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur" (Karl Marx, Das Kapital I, S. 192).

 

Da Karl Marx, und hier folgt der zunächst Hegels Motiv der Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft, "die menschliche Arbeit als dialektisch ontologisches Prinzip des Menschseins und Menschwerdens" (Cemo) verstand, beinhaltet das obige Zitat einen umfassenden Arbeitsbegriff. Vielleicht, so möchten wir am Schluss nahe legen, ist der Begriff New Work einfach nur falsch gewählt, weil er von vornherein von der Erwerbsarbeit ausgeht – möglicherweise auch davon ausgehen muss. Dabei erweist das Festhalten der New Work Bewegung an den ursprünglichen Vorstellungen Bergmanns dem utopischen Charakter, der in manchen Überlegungen und Forderungen steckt, einen Bärendienst. Um im Sinne einer überzeugenden Utopie zu fungieren muss sich die New Work Bewegung dringend von ihrem Gründervater emanzipieren. Aber auch den Begriff der Arbeit transformieren, weiter substantiieren und schließlich schärfen. Dabei sollte die Betonung auf dem tatsächlich Neuen und den neuen Möglichkeiten, beispielsweise einer sozialen Kollaboration, liegen. Helfen würde es bereits, die permanente und sofortige Reduzierung von Arbeit auf (den Begriff und Inhalt von) Erwerbsarbeit zu sprengen und Arbeit als das zu sehen, was Friedrich Engels in seinem Aufsatz zur Menschwerdung des Affen über sie schreibt (siehe Eingangszitat) und Karl Marx für die politische Ökonomie grundlegend umgetrieben hat.

Arbeit ist, mit all ihren Anteilen, für Menschen die Bedingung dafür, überhaupt ein Leben führen zu können, das sie mit eben dieser Arbeit zugleich auch gestalten müssen. Menschliche Arbeitsfähigkeit ist tatsächlich selbst das zentrale Gut, das unterschiedlich genutzt (und vernutzt) werden kann. Das gilt sowohl individuell, als auch für die Gesellschaft und natürlich deren organisationale Umsetzung insgesamt.

Die konkrete Art der Gestaltung der Zusammenarbeit hat in jedem Fall Rückwirkungen auf die Menschen. New Work hebt zwar nicht den Kapitalismus auf und wird es auch nicht schaffen, dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz zu geben (Markus Väth), weil bei einem solchen Vergleich unterschiedliche Kategorien gegenübergestellt werden. Wohl aber kann eine konkret gelebte echte Neue Arbeit ein utopisch impulsgebender Beitrag zur radikalen allseitigen "Emanzipation des Individuums unter Aufhebung aller unmenschlichen Verhältnisse" sein, weil nun grundsätzlich erlebbar wird, wie es funktionieren könnte. Entscheidend ist in einem solchen weiten Verständnis dann gar nicht mehr der konkrete Inhalt von Tätigkeiten, sondern die Art und Weise, wie Arbeit gesellschaftlich und kollektiv organisiert ist. Mit anderen Worten:

Die Utopie der Neuen Arbeit steckt für uns darin, dass sie den Menschen in einer ihnen angemessenen und zuträglichen Weise ermöglicht, was den antiken Philosophen immer wichtig war: die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen nicht nur biologisch leben, sondern im Sinne eines guten Lebens zusammenleben, weil sie mittels der Arbeit Natur (und Technik) gestalten und dabei sich selbst und die Gesellschaft entwickeln. Beim Verrichten der konkreten Tätigkeiten lernen sie voneinander und bestätigen sich einander, um in diesem "Spiegel" Selbst-Bewusstsein zu entwickeln. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit können sie sich in der gegenseitigen Verantwortung als substantielle Individuen begegnen, als Gleichgestellte, die um die Notwendigkeit einer Einbettung in die Gesellschaft und Vernetzung mit Peers für die tätige Ver-wirk-lich-ung ihrer eigene Existenz wissen.


 


Verwendete Literatur

Über die Autoren

Siegfried Lautenbacher Gründer und Geschäftsführer
Gründer und Geschäftsführer bei Beck et al. Services. Lead Consultant für High Performance

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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