Didacta kommt von Didaktik, oder?

Von Alexander Klier 06.03.2017

"Neben inhaltlichen Fehlern sind viele Biologiebücher auch didaktisch schwach [...] Auch bei Aufgabenstellungen fällt den Verlagen offensichtlich wenig Kreatives ein. Jedes zweite Biobuch erhielt daher nur ausreichende Didaktiknoten" (Online Zusammenfassung der Stiftung Warentest zum Testbericht aus Heft Nr. 10/2007, S. 74-80). Noch dominieren Schulbuchverlage die didacta - zumindest optisch. Vielleicht kein Wunder, hier gibt es ja auch einige didaktische Hausaufgaben, die gemacht werden müssen.

Bild: Heiner Wittmann - Ernst-Klett-Verlag-Didacta-2010 auf den Wikimedia Commons. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

 

Auch 2017 gab es sie wieder: die "größte Fachmesse der Bildungswirtschaft", die didacta. Nach eigenen Angaben in einer Sonderausgabe auch digital zum Lernen mit neuen Technologien. Im Wechsel der Ausstellungsorte fand sie diesmal vom 14. - 18. Februar in Stuttgart statt. Ich hatte die Gelegenheit, sie am Mittwoch, den 16. Februar zu besuchen. Und es war im Prinzip eine tolle Sache, denn so kann ich sie mit der Learntec, die ich im Januar besuchen durfte (siehe Blogbeitrag hier), vergleichen. Wobei ich nicht die beiden Messen als Ausstellungsmöglichkeiten für Produkte vergleichen will, sondern beide daran messen will, wie sie das Thema der digitalen Revolution im Bereich der Bildung widerspiegeln, aufgreifen – oder schlichtweg davon unbeeindruckt sind.

 

Von Massagegeräten, Füllern und viel Hirn

"Wie die Schulen kultureller Vielfalt begegnen" (didacta 01/17). "Der Weg zu einem guten Schulnetzwerk" (didactaDIGITAL 01/17). "Wie Schule den Wandel meistern kann" (bildungspezial 01/2017). "Auslandsschulwesen international" (Begegnung 01/2017).

Rein zahlentechnisch ist die didacata auch 2017 erfolgreich gewesen. Eine Analyse zeigt dabei, dass Lehrer*innen mit 30 Prozent die größte Besuchergruppe darstellten. Einige von ihnen kamen gar mitsamt ihren Schulklassen. Dem folgen die Erzieher*innen mit 19% und die Beamten/Angestellten in Bildungsverwaltung oder der Lehrerweiterbildung mit 14%. Dem Gros der Besucher*innen gegenüber stand der entsprechende Aufbau der didacta in Form der Hallenbelegung, die vier Bereiche kannte: Frühe Bildung, Schule/Hochschule, berufliche Bildung/Qualifizierung, Bildung und Technologie. Die didacta ist also primär – und macht daraus auch keinen Hehl - eine Messe, die vor allem Schulen, Hochschulen und Universitäten anspricht und entsprechend Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte als Besucher*innen anzieht. Im Einzelnen wurden mitunter tolle Sachen präsentiert und interessante Tools vorgestellt. Ich persönlich aber war eher auf der Suche nach didaktischen Konzepten, wie es der Name didacta eben Nahe legt.

Das Gute vorneweg: ich habe mir ein Massagegerät geleistet. Viele andere Besucher*innen der didacta haben sicher die weiteren günstigen Messeangebote im Auge gehabt, als sie mit ihren Taschen und Koffern auf dem Messegelände durch die Hallen gingen. Neben dem äußerst umfangreichen Angebot von etwa 1.500 Diskussionen und Produktpräsentationen natürlich ;-). Die didacta ist dabei nicht ohne diverse Kuriositäten wie beispielsweise der Halle 5, die den Hochschulen gewidmet ist und in der vor allem allerlei Schreibgerätschaften präsentiert wurden, die "für mehr Qualität" im Unterricht käuflich zu erwerben waren. Was mich zu der Frage führt, ob man nur in der Hochschule mit Füllern schreibt? Das alles parallel zur Feststellung der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft", dass man heute wieder (kostenlos natürlich) viel Hirn tragen würde.

Manches auf der didacta war schon kurios, wie etwa diese Stofftasche der Zeitschrift "Gehirn und Geist".

Bild: Alexander Klier

 

Zukunft digitales Klassenzimmer?

"Das Klassenzimmer der Zukunft ist digital - das hat die didacta 2017 eindrucksvoll gezeigt." (Dorothee Mohaupt in einer Pressemitteilung hier.)

Entgegen der Verlautbarung bezieht sich die didacta also überwiegend auf Schulen und ihre Bedarfe, die über die Messe zum Teil gedeckt werden, nicht auf die Aus- und Fortbildung und ihre Konzepte im Allgemeinen. Gegenüber der Learntec wurde ich auf didacta sogar derart mit dem (digitalen) Klassenzimmer, in allen Facetten und Schattierungen, konfrontiert, dass sich in mir die Frage aufwarf, ob die Zukunft der digitalen Bildung tatsächlich im virtuellen Klassenzimmer (der Schulen) liegt? Meines Erachtens tut es das gerade nicht. Digitales Lernen lässt sich mit Lernplattformen und den Social Media als Lerninstrumenten völlig neu gestalten. Denn die primäre Eigenschaften sozialer Medien sind die einer Vernetzung – über das Klassenzimmer hinaus - bei Grundlegung einer persönlichen Nähe und einem freundschaftlichen Austausch untereinander. Mit anderen Worten: Erst mit der Entwicklung und dem Einsatz von Social Software oder Kollaborationsplattformen können im digitalen Kontext andere pädagogische Prinzipien als rein frontale Lehrsettings richtig und effizient umgesetzt werden. Das gilt auch für die Schule und mag in einzelnen Diskussionsrunden auch angeklungen sein. Ein zentrales Thema der didacta im Sinne einer digitalen Zukunft der Bildung war es (leider) nicht. Insofern ist die didacta, auch im Vergleich zur Learntec, bisher tatsächlich weitgehend eine analoge Messe für die Schule im Sinne einer Unterrichtsausstattung (geblieben).

 

Ein Lichtblick ...

"Die vitero-Oberfläche wurde eigens für die Herausforderungen 'Benutzerakzeptanz, Moderierbarkeit & Kollaboration' entwickelt" (aus dem Werbeprospekt für vitero).

Einige Highlights gab es dann trotzdem. Für mich das interessanteste Tool war der "Virtuelle Team Room" der Firma Vitero, als Akronym eine Ausgründung der Fraunhofer Gesellschaft. Spannend daran ist, dass in diesem virtuellen Seminar- und Teamraum explizit kollaborative Überlegungen und Elemente eingeflossen sind. So ist es kein Wunder, dass vitero zusammen mit der Lufthansa zum Siegerprojekt in der Kategorie "Virtual Classroom" gekürt worden war. Überhaupt fand ich die Diskussionen rund um den eLearning-Summit in Halle 6 inhaltlich am interessantesten. In der Praxis leidet die theoretische Auseinandersetzung zum eLearning zwar an einer begrifflichen Unschärfe. Auf der anderen Seite gibt es aber echte Highlights unter dieser Art von Lernprogrammen. Sowie mitunter auch didaktische Überlegungen und Konzepte. Bereits aus einer rein didaktischen Sicht sollte eigentlich klar sein, dass sich der "Mehrwert" der digitalen Medien und sozialen Lernplattformen nicht aufgrund der bloßen Einführung des Mediums ergibt, sondern vor allem von der Qualität des Konzepts abhängt. Das zeigte sich für mich am eindrücklichsten in den Ergebnissen der vorgestellten Benchmark Studie 2017 des eLearning Journals.

 

... und ein Ausblick!

"Nach Einschätzung der Studienteilnehmer hat das aktuelle Schulungsangebot [in Unternehmen] für digitale Kompetenzen nur eine geringe Wirkung (55,6 %) oder ist gar komplett unwirksam (8,2 %)" (eLearning Benchmarking Studie 2017, S. 6).

Zu den interessanten Ergebnissen der Studie gehörte, dass beispielsweise bei vielen der Befragten aus den Unternehmen die eingesetzten Learning Management Systeme (LMS) überwiegend als problematisch im Sinne von notwendigen Verbesserungsbedarfen empfunden werden. Dafür spricht auch, dass sie, trotz eines normalerweise gut passenden Profils an die Anforderungen, in immerhin etwa 24 % der Fälle bis 100.000,-- € und in sogar 7,5 % der Fälle mehr als 100.000,-- € an Folgekosten in der Anpassung erforderlich machen. Zudem geben die Unternehmen, abgestuft nach der Qualität, einiges für die zu erstellenden Inhalte aus.

Ich möchte aber noch einmal auf das Zitat oben eingehen und eine These aufstellen, welche dieses Ergebnis erklären hilft: Erklärbar wird ein solches Ergebnis dann, wenn unter Kompetenzbildung lediglich verstanden wird, dass in den entsprechenden Schulungen Wissen im Sinne des Zeigens (und Ausspeicherns in entsprechenden Tests) von Inhalten geschieht. LMS sind daraufhin konstruiert, diesen messbaren Anteil von lehrbarem Wissen zu dokumentieren, alles ander fällt quasi aus der Betrachtung. Dem steht gegenüber, dass Kometenzen etwas sind, was sich im konkreten und vor allem gemeinsamen Arbeitshandeln von Beschäftigten zeigt und nur zum Teil auf Wissen in diesem lehrbaren Sinne beruht. Mit LMS lassen sich insofern also gar keine Kompetenzen (oder gar Bildung) feststellen, weshalb sie nicht aufscheinen. Das kann man auch so interpretieren, dass die entsprechendne Maßnahmen eine geringe oder eben keine Wirkung haben. 

Ein Ausweg bzw. ein Angebot könnte sein, speziell den Teil der Kompetenzbildung über Social Learning Communities wieder dorthin zu bringen, wo er entsteht bzw. auch notwendig ist: Im Alltag der kollaborativen Zusammenarbeit. Hier ließen sich, und das wäre kongruent zu den LMS, sicher auch geeignete Metriken über die Plattformen abbilden, die allerdings anders als klassische LMS sie erheben, erfasst werden müssten. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, können Sie gerne bei uns nachfragen. Oder fordern Sie unseren Essay zum Thema Social Learning an.