Was aber ist digitale Aufklärung?

Von Siegfried Lautenbacher Von Alexander Klier 21.12.2016

Auch die digitale Aufklärung stellt den "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" dar. Von der Beantwortung dieser Frage, die schon Immanuel Kant sehr beschäftigte, hängt unserer Meinung nach das politische Überleben der Demokratien ab.

Bild: Camille Flammarion, L'Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888), pp. 163 auf den Wikimedia Commons. Verwendung als gemeinfrei Datei.


 

"Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen" (Immanuel Kant hier).

Die Zeit, in der Immanuel Kant den kleinen Aufsatz "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung" schrieb war wahrscheinlich ähnlich bewegt wie das Jahr 2016. Insbesondere die noch jungen Naturwissenschaften und die darauf aufbauenden technologischen Möglichkeiten hatten radikale Auswirkungen auf das Denken der Menschen. Sie waren dabei möglicherweise ähnlich unverstanden wie die sozialen und digitalen Medien heute.

Dass Donald Trump die Wahlen in den vereinigten Staaten gewonnen hat, war tatsächlich überraschend und so nicht vorhersagbar. Die Reaktionen darauf sind aber noch viel erstaunlicher und zeugen in einer unglaublichen Weise davon, wie wenig soziale Technologien in ihren Wirkprinzipien verstanden worden sind. Und das gilt in zwei Richtungen:

  1. Zum einen in die Richtung der Apologeten der neuen Technik, die geradezu abergläubisch mit immer neuen Begriffen wie etwa Big Data davon ausgehen, dass diese Technologien den Menschen (automatisch) Wissen bringen und sie "aufklärerisch" befreien.
  2. Zum anderen aber geht die Reaktion noch viel häufiger in die Richtung unverstandener Technologie mit dem Irrglauben, sie wären das Problem und Anlass für die Schwierigkeiten moderner Gesellschaften.

Das Interessante daran ist, dass die beiden Strömungen nicht immer einwandfrei auseinanderzuhalten sind, sich also in der Praxis der Diskussionen durchaus gerne vermischen. Grund genug sich nach vielen deprimierenden Ereignissen in diesem Jahr Überlegungen dazu zu machen, warum eine digitale Aufklärung not tut und wie der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit aussehen könnte.

 

Aberglaube

"Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten" (Kant, a.a.O.).

Noch einmal zurück zur Wahl von Donald Trump: dass er die Wahl mithilfe der sozialen Medien gewonnen hat leuchtet zunächst ein, denn wie niemand anderes vor ihm hat er beispielsweise Twitter dazu benutzt, seine einfachen Botschaften und Antworten im wahrsten Sinne des Wortes unters Volk zu bringen. Daraus aber zu konstruieren, er hätte die Wahl aufgrund seiner Big-Data Analyse oder gar aufgrund bestimmter Algorithmen zur sozialen Beeinflussung gewonnen entbehrt nicht nur jeder wissenschaftlichen Grundlage, sondern ist purer Aberglaube oder "Magischer Digitalismus", wie Sascha Lobo hier sehr schön feststellt.

Bezüglich des Einsatzes wie auch dem Einfluss sozialer Medien gilt, was für jegliche Technologie gilt: als Werk von Menschen hängt die Wirkung davon ab, wie sie gesellschaftlich eingebettet sind, wie sie verwendet werden und wie kritisch auch darauf reflektiert wird bzw. wie kompetent die entsprechenden Nutzer sind. Digitale Aufklärung würde hier dazu beitragen, die Technologie wieder mit ihren Vor- und Nachteilen zurück zu den Menschen zu holen und sie nicht zu überhöhen. Das ist allerdings eine Aufgabe der Gesellschaft und ihrer Organisationen, nicht der einzelnen Menschen, die sich mit dieser Aufgabe gewaltig überheben würden.

 

Irrglaube

"Denn dieses vermeintliche Wissen ist nur ein beweisloses Für-selbstverständlich-Halten, das sich bei näherer Untersuchung als unhaltbares Scheinwissen entpuppt“ (Sokrates via Wikipedia hier).

Auch die zweite große Debatte, die derzeit durch die Wahl von Donald Trump befeuert wird, nämlich die Diskussion um Echokammern und Filterblasen, ist ein Thema für digitale Aufklärung. Ihr liegt nämlich ein gewaltiger Irrglaube zu Grunde, der in seiner konkreten Wirkung ähnlich gelagert ist, wie der Aberglaube des magischen Digitalismus. Die Natur dieses Phänomens liegt in der Anthropologie, also in den Menschen selbst begründet. Filterblasen sind gerade kein originäres technisches Problem, werden jedoch als solches ähnlich mythologisiert wie der magische Digitalismus. Das Internet, insbesondere in der Ausformung des Web 2.0, ist schon länger bekannt dafür, dass menschlichen "Gepflogenheiten" unglaublich verstärkt werden können. Aber sie werden eben nur verstärkt, und nicht etwa neu generiert.

Insofern kann natürlich auch Politische Meinungsbildung durch soziale Medien als Propaganda in einer unglaublichen Art verstärkt werden. Aber bekannt sind die Wirkmechanismen spätestens seit Sokrates (siehe Zitat). Mit anderen Worten: zur politischen Beeinflussung gehören immer zwei Parteien, nämlich der Beeinflussende und der oder die Beeinflusste. Gerade letztere waren Ziel der Ausführungen von Immanuel Kant. Allzu leicht nämlich lassen sich die Menschen beeinflussen, um ihren Verstand gerade nicht bemühen zu müssen. Das konnte Donald Trump ziemlich gut ausnutzen. Gerade das Wort des Jahres 2016, nämlich "Postfaktisch", zeugt von dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Über die sozialen Medien generiertes Halbwissen bzw. postfaktisches Scheinwissen stellen für uns den unmündigen Gegenentwurf dazu dar, sich nicht reflexiv mit der sinngebenden Seite von Wissen um die Probleme der Welt auseinanderzusetzen zu wollen (oder zu können). "Ich weiß, dass ich nicht weiß" war deshalb auch keineswegs ein Eingeständnis dafür, dass Sokrates nichts wusste. Es war seine politische Kampferklärung an das Halb- und Scheinwissen, insbesondere von Staatsmännern und Kriegern, also Personen, die es eigentlich besser wissen müssten. Auch hier kann man deutliche Parallelen zu heute ziehen.

 

Fehlender Glaube

"Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich" (Kant, a.a.O.).

Immanuel Kant war offensichtlich sehr optimistisch, was die Aufklärung der Menschen insgesamt betrifft. Anders lässt sich das Zitat nicht deuten. Richtig liegt es sicher mit der Einschätzung, dass zur Aufklärung die Freiheit der Rede sowie des Glaubens notwendig ist. Aber auch hier dürfte es keinen Automatismus geben. Vor allem aber scheint es uns notwendig zu sein, dass es einen Glauben daran gibt, dass Menschen qua Vernunft und ihres Gebrauchs tatsächlich dazu in der Lage sind, ihre Scheinwelten zu verlassen und ihre technizistischen Ersatzreligionen aufzugeben.

Das ist das vielleicht größte und tragischste Problem unserer heutigen Zeit: dass selbst viele kritisch denkende Menschen allzu schnell aufgegeben haben, öffentlich Stellung zu beziehen und zu den großen Herausforderungen der Menschheit zu argumentieren. Nicht in dem Sinne, Lösungen anzubieten, die es nicht gibt, sondern nach Antworten und vor allem Wissen zu suchen, wie ein sinnvoller Weg in die Zukunft aussehen könnte.

Für Immanuel Kant war klar, dass sich nur durch den Vernunftgebrauch eine solche Zukunft überhaupt eröffnen lässt. Die Verweigerung von immer mehr Menschen, auch in unserem Bekanntenkreis, sich über theoretische Reflexionen den Problemen zu nähern (was manchmal beispielsweise das Lesen längerer Texte und ihrer Argumentation voraussetzt) zeugt davon, wie sie hier der Glaube an eine vernünftige Menschheit fehlt. Gegen die dahinter stehende Unsicherheit hilft aber keine Ersatzreligion oder Regression auf Scheinwissen, sondern nur Erkenntnis im Sinne von "echtem"  und sinngebendem Wissen.

 

Vom öffentlichen Gebrauch der Vernunft

„Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen“ (Kant, a.a.O.).

Man könnte Kant schon fast als Apologeten oder frühen Propheten der sozialen Medien in einem positiven Sinne bezeichnen, denn Transparenz und Öffentlichkeit, welches ebenfalls Merkmale der sozialen Medien sind, waren für ihn ein zentrales Merkmal von Aufklärung. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft (als Reflexion auf Wissen und Herstellung des Sinnbezuges) war für ihn das Entscheidende. Nicht die im Internet angehäuften Informationen oder explizierbares Faktenwissen etwa sind entscheidend für den Ausgang der Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, sondern das aktive Auseinandersetzen mit anderen Meinungen und das Ringen um die sinnvollere Ausgestaltung menschlichen Zusammenlebens. Übrigens auch auf Facebook und Twitter. Erst ein auf reflexive Art und Weise erworbenes Wissen hat eine Bedeutung für die Wissenden und leitet für Kant zu sinnvollem, wie auch verantwortungsbewusstem, Handeln an.

Über die Autoren

Siegfried Lautenbacher Gründer und Geschäftsführer
Gründer und Geschäftsführer bei Beck et al. Services. Lead Consultant für High Performance

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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