Ende gut - Anfang gut (Teil 4)

Von Alexander Klier 24.08.2015

Den Betriebsrat von Anfang an einzubeziehen ist ein kluger Schachzug. Gewinnt man ihn als Key Player, dann ist er mit dem eigenen Engagement ein positives Vorbild für die Beschäftigten.
Bild: Till Westermayer - Chess III auf Flickr (hier). Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons - Namensnennung und Verwendung unter gleichen Bedingungen (BY-SA).

"Meistens ist der Wissensstand der Betriebsräte in diesem Zusammenhang weit fortgeschritten, so dass mit ihnen auf Augenhöhe offen und kompetent zusammengearbeitet werden kann." (Nadja Draxinger)

Alles klar mit den Beschäftigten? Die Führung ist ebenfalls schon auf Netzwerkkurs? Fein. Dann kann ein wichtiges und großes, manchmal leider auch sehr unbeliebtes Kapitel angepackt werden. Es geht nämlich darum, die legitimen und demokratisch gewählten Vertretungen der Beschäftigten, ihre Betriebsräte (oder Personalräte), für das Netzwerken zu gewinnen. Die Überlegung, die Betriebsräte als aktive (Netzwerk-) Player zu gewinnen, steht im Prinzip noch vor den konkreten rechtlichen Bedingungen der Mitbestimmung. Weil Betriebsräte durch das eigene Verhalten einen enorm positiven Einfluss auf die Aktivierung der Mitarbeiter nehmen können, ist es für einen gelingenden Wandel zentral, sie als Mitstreiter zu gewinnen. Dafür müssen sie jedoch von Anfang an und transparent bei der Einführung digitaler Plattformen beteiligt werden. Ist der Betriebsrat frühzeitig im Boot, dann "kommt ein Streit darüber, ob die Maßnahme mitbestimmungspflichtig ist, erst gar nicht auf", meinte dazu schon sehr früh die Arbeitsrechtlerin Nadja Draxinger in einem Blogbeitrag (hier). So gesehen zeigt sich am guten Ausgang und gelungene Wandel am Ende des Projekts, dass von Beginn an alles richtig gemacht wurde.

 

Disruption und Regulation

Der "disruptive" Charakter von Social Collaboration Plattformen führt zu vielen Fragen und Problemen in der konkreten Arbeitsorganisation. Mit der Umstellung auf vernetzes Arbeiten und Community basierenden Kommunikationsstrukturen ändern sich deutlich die Prozesse der Zusammenarbeit, die Zeiten des Informationsaustauschs, die Grundsätze der Gruppenarbeit und nicht zuletzt die Arbeitsbedingungen insgesamt. Alles Aspekte, auf die Betriebsräte besonders achten müssen und die deshalb zu Beginn geklärt und geregelt werden müssen. An der aktiven Wahrnehmung und Ausübung der Mitbestimmungsrechte führt also kein Weg vorbei. Bei einer frühzeitigen Regulation im Sinne einer Einigung mit dem Betriebsrat und dem rechtzeitigen Abschluss einer entsprechenden Betriebsvereinbarung ist dies aber kein Problem. Am besten klappt es dann, wenn der Prozess kooperativ von der Geschäftsleitung vorangetrieben wird und inhaltlich entsprechend gestaltet werden kann.

 

Besser mit Betriebsvereinbarung

Die digitale Arbeitswelt ist kein rechtsfreier Raum. Rechtlich gesehen ist es einfach die Verpflichtung eines Betriebsrates, darüber zu wachen und dafür zu sorgen, dass bestehende gesetzliche und tarifliche Vereinbarungen im Rahmen der Arbeitsorganisation greifen. Die Herausforderungen sind jedoch oft nicht trivial zu lösen und haben vor allem bei der Einführung von Kollaborationsprozessen über digitale Plattformen tief greifende Auswirkungen auf die Beschäftigten. Kreative Lösungen sind also gefragt. Diese wird man nur dann vereinbart bekommen, wenn Betriebsräte nicht nur um Zustimmung gefragt werden, sondern von Anfang an und als kollaborativer Partner in den Prozess des Wandels eingebunden werden. Der Vorteil einer frühzeitigen schriftlichen Fixierung im Rahmen einer Betriebsbereinbarung geht dabei über eine Schutzfunktion für die Beschäftigten hinaus. Mit ihr besteht beispielsweise auch für Führungskräfte ein rechtlich zuverlässiger Rahmen für die Auslegung der Maßnahmen im Zuge der Einführung von Kollaborationsplattformen. Wenn sie klug gemacht ist, gibt es sogar ein krisenfestes Instrumentarium für den allseitigen Ausgleich im Konfliktfall.

 

Das Beispiel Bosch

Mit einer rechtzeitigen und aktiven Beteiligung der Betriesräte ist aber deutlich mehr möglich. Bei der Robert-Bosch GmbH war die Einführung der kollaborativen Zusammenarbeit beispielsweise Anlass dafür, dass Betriebsräte gemeinsam mit den Führungskräften daran arbeiten, die künftigen Arbeitsbedingungen zu beschreiben und den digitalen Arbeitsplatz auszugestalten. Dadurch, dass der Betriebsrat voll eingebunden wurde, übernahm er auch die Verantwortung für die Diskussion und spielte eine aktive Rolle bei der Umsetzung in den jeweiligen Bereichen. Und wurde damit selbst zu einer qualifizierten prozessbegleitenden Kraft, einem kollaborativen "Key Player" im Unternehmen. Das ist eine völlig neue Form, Mitbestimmung zu leben. Sowohl für die Betriebsräte, als auch die Beschäftigten. Insofern ist auch viel zu lernen.

 

Der Betriebsrat als Community

Nicht zu unterschätzen ist im Rahmen des Veränderungsprozesses, dass Betriebsräte lernen müssen, sich in Communities und Netzwerken zu bewegen. Was auf der anderen Seite wiederum ein großer Pluspunkt ist. Denn wenn es gelingt, dann kann beispielsweise die Gremienarbeit in Form einer (geschlossenen) Community stattfinden. Noch interessanter aber wird es für Betriebsräte, wenn sie die kollaborativen Werkzeuge zur Kommunikation mit den Beschäftigten verwenden können, indem sie beispielsweise einen eigenen Blog gestalten oder Wikis zur kollaborativen Erarbeitung von Regeln mit den Beschäftigten nutzen. Funktionierende Communities und eine aktive Rolle führen letztlich zu einem neuen Selbstverständnis der Beschäftigten. Wie sieht deren gewünschter Arbeitsplatz aus? Was bedeutet die notwendige Transparenz in den Arbeitsprozessen für sie und ihre Arbeit?

 

Sichbarkeit und Partizipation

Eine soziale Kollaboration ist nur zu einem geringen Teil eine technische Lösung bzw. eine digitale Gestaltung der Arbeitsprozesse. Viel mehr und tiefer gehender ist der soziale Wandel, der notwendig ist, die Plattformen aktiv zu nutzen und die Arbeit entsprechend umzugestalten. Dabei kommen den Beschäftigten zum Teil völlig neue Aufgaben zu. Vor allem aber werden sie sichtbar und die Arbeitsstrukturen transparent. Genauso wie die Arbeitsergebnisse sichtbar werden und von den Kollegen geteilt, gelikt - oder auch nicht beachtet werden. Diese neue Art der Transparenz, Kommunikation und Zusammenarbeit kann die gesetzlich geregelten Wege und Zuständigkeiten der Mitbestimmung enorm erweitern. Sie darf sie jedoch nicht ersetzen und kann sie auch nicht überflüssig machen. Für Betriebsräte wiederum ist die Arbeit in Communities ein zentraler Hebel, um anstehende Probleme gemeinsam mit den Beschäftigten - eben kollaborativ - zu lösen. Über diesen Weg bekommen die Beschäftigten eine Stimme und werden auch gegenüber dem Betriebsrat wahrnehmbar und sichtbar. Das ist für Betriebsräte normalerweise eine neue - und bereichernde - Erfahrung. Die notwendige und gewollte Partizipation der Beschäftigten, als auch die Mitbestimmung der Interessenvertretungen ist besonders notwendig bei der Ausgestaltung des digitalen Arbeitsplatzes. Dies wird im nächsten Teil dieser Reihe ausgeführt.

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Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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