Enterprise 2.0 Vortrieb - Drei Vorteile und drei Nachteile für den Wandel (Teil1)

Von Sebastian Thielke 25.08.2014
Enterprise 2.0 Vortrieb - Drei Vorteile und drei Nachteile für den Wandel (Teil1)

Wenn man ein Unternehmen mit seinen Akteuren, Beteiligten und Zaungästen betrachtet, dann stellt man schnell fest, dass man es nicht mit dem homogenen Uniformwesen der Wunschvorstellung zu tun hat, nein man hat ein Gespinst von Charakteren, Verhaltensweisen und Marotten vor sich, dass einen eigenen kleinen kulturellen Korridor in unserer Wahrnehmung darstellt. Genau dieser Korridor bietet den Verantwortlichen beim Wandel eine Vielzahl an Vortrieb aber auch an Stolperfallen. Die drei Nachteile – Enthusiasmus, Social Media Erfahrung und hohe Affinität Spätestens beim letzten Punkt dieses Dreigestirns möchten die meisten sicherlich die Stirn runzeln und sagen: Aber genau diese Punkte brauchen wir doch. Wie soll sonst Begeisterung entstehen, wie sollen die Leute auf bewährte Erfahrungen zurückgreifen und die hohe Zuneigung sichert uns doch das Interesse und die Neugier? Alles richtig, aber es sind auch genauso Denkfallen und Verhaltenssackgassen, die mit diesen drei Nachteilen entstehen.

1. Brennender Enthusiasmus … An einem Beispiel lässt sich das Hindernis Enthusiasmus gut darstellen. Man stelle sich folgende Situation vor: Ein Unternehmen, dass über mehrere Jahre hinweg auf streng hierarchische Strukturen in der Kommunikation, der Zusammenarbeit und dem Miteinander geachtet hat, kommt schließlich an einen Punkt an, an dem der Generationswechsel bevorsteht. Viele altgediente Mitarbeiter sind in den klassischen Strukturen groß geworden. Doch bei den „Jungen“ macht sich die Aufbruchsstimmung breit. In den oberen und mittleren Etagen klingen die ersten Melodien von Neugestaltung und neuen Technologien. Man hört an den unterschiedlichsten Ecken, von Innen und Außen, dass die neuen Dinge vieles anders machen und die angestaubten Strukturen aufbrechen und wie ein Sturm hinwegfegen. Diesen Geist möchte man natürlich einfangen und auf alles übertragen. Der Wandel bekommt einen riesen Schub. Doch dann kommt oft und vor allem sehr schnell die Ernüchterung: Die Technik funktioniert nicht so, wie wir und das vorgestellt haben, es soll doch alles viel schneller gehen, doch warum geht es nicht? … oder verbrannte Erde Schnell kehrt sich Enthusiasmus in Resignation um oder schlägt sogar in die andere Richtung: Die guten alten Strukturen waren doch die besten, keiner brauch diesen neuen Kram und wir haben das doch früher viel einfacher hinbekommen. Technik- und Wandelzweifler gewinnen an Boden und können Ihre These stützen. Und dann bricht die brennende Flamme des Wandels zusammen und alles bleibt beim Alten. Naja außer der Tatsache, dass die Enthusiasten jetzt kritische Enttäuschte sind, die den Wandel schnell wollten, denn sie haben schließlich dafür gebrannt und nun sind sie verbrannt. Schüchterne Nüchternheit Ja, Enthusiasmus kann eine gute Triebfeder sein, er kann jedoch auch alles verbrennen und Strategien zugrunde gehen lassen. Die Begeisterung ist eben ein Feuer, wenn man jedoch das Feuer anfacht und es nicht schnell genug nähren kann, dann frisst es sich selbst auf und somit auch alle aufgebrachten Ressourcen, Strategien und Taktiken. Was mache ich nun mit einem solchen bevorstehenden Enthusiasmusfeuer? Die Erfahrung zeigt, dass Nüchternheit im Umgang, der Kommunikation und den Enthusiasten die richtige Dosis ist. Es ist wichtig zu zeigen, was Wandel, Praktiken und Methoden bewirken können. Aber es ist genauso wichtig, dass diese Erkenntnisse in einem gewohnten Arbeitsumfeld und vor allem in den bekannten Arbeitsabläufen stattfinden. Wenn jedoch diese Erkenntnisse kommen, dann dürfen sie auch ruhig mal als flammende Erfolge angesehen und gezeigt werden. Es ist jedoch wichtig immer am Boden des Enthusiasmus zu bleiben. Es muss gezeigt werden, dass der Wandel Zeit braucht, die Vorteile nicht immer sofort sichtbar sind und vor allem Teil eines umfangreichen Wandels sind.

2. Social Media Erfahrung als Vorsprung … Was kann es für uns als Wandeltreiber eigentlich Besseres geben als die Leute, die sich mit den Werkzeugen von Enterprise 2.0 und vernetztem Unternehmen auskennen, mit diesen im Privaten arbeiten und deren Philosophie leben? Ganz ehrlich – alle anderen sind die besseren Anwender und auch die angenehmere Zielgruppe. Warum? Nun eigentlich ist dieser Herleitung recht einfach. Social Media sind natürlich ein Teil unseres Alltags geworden und sie prägen selbstverständlich die Transformation von Unternehmen hin zum Social Business. Aber sie finden eine andere Art der Anwendung. Sie sind vor allem im privaten Bereich der Anwender ein gewohntes Instrument. Das Teilen von Bildern, Emotionen, Eindrücken und Ideen funktioniert in den öffentlichen Social Media ausgezeichnet und macht den Reiz aus. Doch lassen sich diese inhaltlichen Verhaltens- und Anwendungsszenarien nicht auf die Arbeitswelt oder nur im geringen Maße übertragen. … oder die gewohnten Werkzeuge in ungewohnter Umgebung Der Social Media Profi im Privatem wird sehr schnell feststellen, dass gewisse Mechanismen innerhalb des Netzwerk des Unternehmens und vor allem innerhalb des Kulturkorridors des Unternehmen nur gering bis sogar gar nicht funktionieren. Privat bewegt man sich in einem offenen und öffentlichen Raum, in dem Social Media akzeptierter Bestandteil von Kommunikation und Miteinander sind. Diese Akzeptanz und eben auch das kommunikative Verhalten müssen sich innerhalb des Unternehmens erst begründen. Daraus folgt natürlich das Feedback und Anerkennungsmechanismen der öffentlichen Social Media (weitaus höhere Reichweite und Umfang) innerhalb des Unternehmens und der Anwendungen nicht so leicht erzielen und anbringen lässt. Und dann schlägt der Frust um sich. Dieses Netzwerk scheint mir irgendwie nicht zu funktionieren, wenn ich einen Blog schreibe, dann antworten mir immer mindestens 10 Leute und hier passiert gar nichts. Auch hinsichtlich der Anpassung und des Enablements bereits Social Media erfahrener Anwender, wird man auf Widerstand stoßen. Die Anwender sind durch ihre Erfahrung mit den Social Media eben auf diese geprägt und haben zumindest eine ähnliche Erwartungshaltung an die Werkzeuge, die das Unternehmen und die Arbeit verbessern sollen. Das hier aber zwei Welten aufeinanderprallen, wird oft vernachlässigt. Social Media der Öffentlichkeit funktionieren anders als die Social Software Anwendungen und Nutzungsszenarien im Unternehmen. Es immer schwer Menschen aus ihren gewohnten Denkmustern zu befreien und dann auch noch aus Denkmustern, die gerade als neu und revolutionär wahrgenommen werden. Die Anwendungen und Prinzipien von Enterprise 2.0 und Social Business sind kein Facebook und Pinterest im Unternehmen. Sie sind Plattformen für Zusammenarbeit und Prozessverbesserung. Utilisiere die Kenner Heute noch ist davon auszugehen, dass die Masse an Kenner und Erfahrenen im Umgang mit Social Media eher kleiner ist. Dennoch sind sie auch eine kritische Masse in beiderlei Hinsicht – als Anwendermenge und als Kritiker. Wie gleicht man nun diesen Nachteil aus? Eigentlich hilft hier nur die Gefangennahme als Botschafter und Multiplikator. Es ist wichtig diese Auskenner zu identifizieren, ihre Kenntnisse sichtbar zu machen und ihnen eindeutig aufzuzeigen, dass die Philosophie der Social Media durchaus Anwendung findet im Unternehmen aber die Herangehensweise eine andere ist. Wenn diese Erkenntnis bei den erfahrenen Social Media Nutzer ankommt, dann sind sie ein wertvoller Garant für die erfolgreiche Umsetzung.

3. Hoher Begeisterungsgrad … Also hier kann doch nun wirklich nichts mehr passieren, oder? Doch, leider. Denn die Begeisterung und hohe Affinität zu bestimmten Techniken und Neuerungen kann man als stark verstärkte Form des Enthusiasmus und der Auskenner ansehen. Man kann mir hier natürlich Haarspalterei vorwerfen aber auch diese Form des Nachteils bzw. Hindernisses muss betrachtet werden, denn sie birgt ein unbekanntes und vor allem unterschätztes negatives Verhalten – der ablehnende Gegenspieler. Auch bei den Affinen für ein Thema spricht man immer erst von einer Euphorie und einen thematischen Enthusiasmus. Diese Anwender und Nutzer beschäftigen sich sehr ausführlich mit dem Thema und machen es sich zur Passion jedes Detail und jede Schraube zu kennen. Sie werden Teil des Themas und kennen es schließlich in- und auswendig. Und eigentlich ist dies ja auch gut, denn es muss schließlich auch die Detailverliebten geben. Nun, Themenfokus birgt die Gefahr der Einseitigkeit. Wenn man seine Begeisterung für etwas entwickelt hat, dann sieht man eher die Vorteile oder besser das Ideal, welches man sich geschaffen hat. … oder Bruch mit dem ideellen Weltbild Und dann passiert es unverhofft. Der begeisterte Fan des technologischen Wandels erkennt, dass seine Vorstellungwelt mit der Anwendungswelt im Unternehmen kollidiert. Langsam aber sicher gerät seine Wahrnehmung ins Wanken und er fängt an, den Wandel eher als Angriff gegen sich und seine Wahrnehmung zu sehen. Dieser Wandel muss natürlich aufgehalten werden, denn nur der richtige Weg, kann auch die Vorteile bringen. Und dann ist er geboren, der Widerständler, der einst Verfechter des Neuen war. Er ist entstanden, weil das Ideal nicht der Realität entspricht. Im schlimmsten Fall wird er viele andere von seiner Idee überzeugen und zeigen, dass der Wandel und das Neue der falsche Weg ist. Realitätsnähe und Beteiligung Also noch ein schwerer Fall, der gegen den Wandel arbeitet. Doch auch hier zeigt die Erfahrung, dass vor allem eine offene Kommunikation und eine klare Darstellung von Möglichkeiten aber auch von Grenzen enorm wichtig für Verständnis und Erkenntnis sind. Wenn man den Technikenthusiasten rechtzeitig die Hand reicht und mit ihnen über das Thema spricht und ihnen klar macht, dass nicht das ideelle Bild der Technologie, den Erfolg ausmacht, sondern die erfolgreiche Anwendung im Bereich der Zusammenarbeit und Arbeit, dann sprechen diese Fans auch für den Wandel. Viel Negatives… aber bald kommt das Positive Mit diesen ersten Teil, wollte ich aufzeigen und nachdenklich machen, dass die offensichtlichen positiven Unterstützer durchaus überschätzt werden können. Es mag eine kleine dunkle Wolke über uns liegen aber ich verspreche, dass ich im nächsten Beitrag, diese Wolke verjage und aus negativ-wahrgenommenen Stolpersteinen die Gewinner und Fürsprecher für den Wandel zum Enterprise 2.0 mache. Versprochen.

Über den Autor

Sebastian Thielke Consultant für Digital Transformation
Social Business und Enterprise 2.0 - Strategieentwicklung, Enablement, Kommunikation sowie Wertschöpfung mit dem Hauptaugenmerk: Der Mensch macht das Unternehmen.