Enterprise 2.0 Vortrieb – Nachteile und Vorteile für den Wandel (Teil 2)

Von Sebastian Thielke 03.09.2014
Enterprise 2.0 Vortrieb – Nachteile und Vorteile für den Wandel (Teil 2)

Ich habe versprochen, dass ich die trüben Wolken des Negativen verjagen werden. Also hole ich mal aus und fange an, zu jagen. Wenn wir einen Blick auf den letzten Beitrag zurückwerfen, dann stellen wir mit Entsetzen fest, dass wir uns doch vielfach vom Offensichtlichen leiten lassen, wenn wir den Wandel in einem Unternehmen voranbringen wollen. Und gerade für das Change Management zum Enterprise 2.0 und Social Business sind diese Offensichtlichkeiten doch auch große Stolpersteine. Wenn nun aber das Offensichtliche nicht immer das Richtige ist, dann könnte man doch auch den Schluss ziehen, dass die eindeutig negativen Aspekte und Nachteile doch auch Vorteile sein können, oder? Die drei Vorteile – Unwissenheit, Ablehnung und Technikferne Und wieder stehen wir an dem Punkt, an dem Viele sagen würden: Aber genau gegen diese Widerstände treten wir Tag für Tag in den Projekten an. Leute, die es nicht lernen wollen, Mitarbeiter, denen das Wissen um Anwendung und Theorie fehlt und Menschen, die ihre tägliche Arbeit bisher sehr erfolgreich mit Stift und Zettel gemeistert haben. Auch hier möchte ich mit dem Ansatz daherkommen und sagen: Das Offensichtliche ist nicht immer das Richtige und vielfach unterschätzen wir das verborgene bzw. verkannte Potential solcher Gegensätzlichkeit. Wir bewegen uns in der Welt des Wandels und der Störung bisheriger, klassischer Mechanismen. Daher wird sich auch die Wahrnehmung von Potential und Möglichkeiten ändern müssen. So werde ich hier also drei Beispiele aufzeigen, die eben doch positives Potential für die Transformation und Umgestaltung zum Enterprise 2.0 innehaben.

1. Unwissenheit – Wir müssen bei null anfangen … Selbstverständlich ist es eine Herausforderung, wenn man auf Unwissenheit, Unkenntnis und wenig Wissen zu Methoden, Technik und Einsatz trifft. Gerade in Bezug auf das Enablement und den damit verbundenen Schulungen, Trainings und der Kommunikation stehen wir als Wandeltreiber immer wieder vor großen Herausforderungen. Die Vielzahl der Beteiligten und Auszubildenden kann in manchen Fällen eine Überforderung auslösen. Wo kann in dieser Herausforderung also das Potential schlummern? Hier zeigt die Erfahrung in vielen Prozessen und Wandelprojekten, dass diejenigen Beteiligten mit geringem oder keinem Wissen, viel schneller die Vorteile und eben auch die Gewinne für die eigene Person wahrnehmen und erkennen. Aber wieso sollte das so sein? Das Stichwort heißt hier – Unvoreingenommenheit. Es besteht keine Erwartungshaltung. Die Menschen, denen wir in dieser Situation gegenübertreten, sind Personen, die vielfach noch nie mit den Begrifflichkeiten und Ideen von Enterprise 2.0 und Social Business konfrontiert worden sind. Sie haben keine Ahnung von Methoden und Theorien der vernetzten Zusammenarbeit, gemeinschaftlichem Teilen oder der Weisheit der Vielen. … oder: Die Möglichkeit Werte, Vorteile und Verbesserungen entwickeln zu lassen Und genau in der „keinen Ahnung“ liegt eben das größte Potential der Unvoreingenommenheit. Diese Anwender und Nutzer haben keinen geprägten Anspruch an Anwendung, Methode oder Idee. Sie stehen der Idee das erste Mal gegenüber und setzen sich das erste Mal damit auseinander. Natürlich ist diese Situation sehr brisant. Was passiert, wenn ich genau diesen Menschen als ersten Kontakt unsere geliebten Wörter und Wortketten  mit der Thematik Vernetzung und Netzwerkkollaboration entgegenschleudere? Genau, Unverständnis, Missverständnis und Ablehnung wären die Folge. Ich muss natürlich die Kommunikation und Vermittlung entsprechend sensibel  aufbauen.

In einer bekannten Welt kommunizieren Entsprechend müssen der Wandel, das Enablement und die Werte kommuniziert werden. Es muss zielgruppengerecht kommuniziert werden. Ich finde, dieser Begriff ist zwar für Viele einleuchtend aber wird dann in der Umsetzung und Formulierung doch vielfach übergangen weil er ggf. zu abstrakt ist. Für die Unwissenden ist es wichtig, dass die Inhalte, Bezüge und komplexen Sachverhalte in eine Welt gefasst werden, die der eigenen täglichen Arbeitsweise und Kommunikation entsprechen. Wenn ich als Beispiel den Mitarbeiter aus der Buchhaltung in die Wandelprojekte, bzw. in eine Kommunikation zu Enterprise 2.0, einbinden möchte, dann schaue ich mir mit diesem Menschen zusammen die Arbeitsumgebung und deren tägliche Arbeit an. Dabei sind für mich  die Routinen, die Arbeitsprozesse, die Herausforderungen und die Meisterschaften in der täglichen Arbeit von besonderem Interesse. Ich höre mir die Worte und den Duktus der Kommunikation an. Mit dieser Erkenntnis gestalte ich dann meine Kommunikation und suche mir Beispiele aus der Arbeit des Sachbearbeiters für Buchhaltung heraus. An diesem Beispiel erkläre ich, wie es funktionieren kann, dass die Vernetzung sowie die Instrumente und Anwendungen in der Enterprise 2.0 Transformation die tägliche Arbeit beeinflussen und möglicherweise verbessern. Und alles im Duktus der Buchhaltung und deren Arbeitsumgebung. In einer solchen Kommunikationssituation und auch nachfolgend entstehen die Erkenntnis, das Wissen und vor allem das Bedürfnis für den Wandel von ganz allein. Es muss in jedem Fall der Wesenskern der Anwender berührt werden. Und dies ist bei Unwissenden einfacher, als bei Wissenden und Profis.

2. Ablehnung – unser ärgster Feind … Ja, das ist ein Übel, dass wir gerne vermeiden wollen. Es sollte doch möglich sein, dass alle für den Wandel, das Neue und die Verbesserungen sind, oder etwa nicht? In dieser Hinsicht bin ich grundlegend der Überzeugung, dass wir niemals alle mitziehen und niemals alle für uns gewinnen können. Das hieße absolute Mehrheit und das bei einer Heterogenität der Unternehmenskultur – unmöglich und unnötig. Wir brauchen aber einen Großteil, der natürlich erkennt, mitdenkt und mitmacht. Ansonsten beißen wir uns die Zähne aus. Doch was ist denn nun mit dem Ablehner, dem Widersacher, dem Gegensprecher? Ist er tatsächlich eine üble Wurzel? Die Erfahrung zeigt, dass oft das Gegenteil der Fall ist. Widerständler und Ablehner tun dies nicht ohne Grund. Mir ist kein Fall bekannt, in dem absichtlich und ohne Begründung ein Wandel sabotiert wurde. Es gibt immer einen Grund. Das Gute ist, dass man diesen Grund in Gesprächen herausfinden kann und dann stellt sich oft heraus, dass die Kommunikation nicht richtig funktioniert hat, Ängste entstanden sind oder Unverständnis bei der betroffenen Person die Ablehnung entstehen lies. … oder ein überzeugter Fürsprecher Das Potential hier steckt folglich in der Auflösen von Unverständnis und Ängsten sowie der Auseinandersetzung mit der Problematik des Betroffenen. Es scheint natürlich viel Aufwand für eine möglicherweise einzelne Person zu sein. Dennoch wird sich dieser Aufwand in jedem Fall lohnen. Wenn der Grund für die Ablehnung geklärt ist, die Person merkt, dass sie ernst genommen wird und dazu noch positiv unterstützt wird, dann wird aus der Ablehnung ein Interesse. Dieses Interesse beginnt auf einer sehr positiv bereiteten Strecke und wird sich mit Geduld in Überzeugung wandeln. Die ärgsten Widersacher und vermeintlichen Gegenspieler sind in vielen Situationen als große Fürsprecher und Botschafter herausgegangen. Der Betriebsrat ist hier nach wie vor mein Lieblingsbeispiel. In vielen Situationen und Wandelszenarien wird der Betriebsrat durch das Projektteam als Widersacher eingestuft. Die Erfahrungen im Unternehmen mit dieser Instanz scheinen immer negativ belastet zu sein. Dabei ist es eine Frage der Kommunikation, des Timings und der Transparenz, ob ich mir hier einen Widersacher schaffe oder einen idealen Fürsprecher. Das Geheimnis heißt ganz einfach: Information und Beteiligung. Ich durfte Betriebsräte erleben, die erst zähneknirschend den Wandel betrachteten, dann in das Projekt integriert wurden und schließlich äußerst hilfreiche Tipps und Hinweise für das Netzwerk im Unternehmen geliefert haben. Der Betriebsrat war in diesem Fall auch einer der ersten interessanten und vor allem umfassenden Anwendungsfälle. Er hat ein hohes Engagement und Interesse bei den Mitarbeitern wecken können. Potential von Kritik und Ablehnung Wir nehmen Widersacher immer als negative Punkte wahr, die stören und das Gute zu Nichte machen wollen. Wir sehen selten das Potential in der Kritik und der Ablehnung selbst. Dies mag an mangelnder Fehlerkultur als auch an unserer starken Überzeugung für die Umgestaltung liegen. Dennoch sollten wir diese Möglichkeiten auch immer für die eigene Revision nutzen. Wenn jemand etwas ablehnt, dann stimmt etwas nicht in der Kommunikation – banal aber zutreffend.

3. Technikferne ist gleich Unverständnis… Der typische Anwender, dem wir heute begegnen, hat mindestens ein Smartphone, verfügt über ein Tablet und hat sowie ein Ultrabook als Arbeitsgerät. Denn schließlich bewegen wir uns in der Welt der Wissensarbeiter. Falsch! Wir bewegen uns hauptsächlich in einer Welt, die durch den PC Arbeitsplatz geprägt ist, aber noch lange nicht das Ideal an Mobilität und Flexibilität erreicht hat. Die Realität sieht doch eher so aus: Ein alter und unhandlicher Laptop für die Arbeit ist vollkommen ausreichen, das Smartphone ist nur privat und kann eigentlich gar nicht im Unternehmen genutzt werden, weil die Infrastruktur dafür fehlt und je weiter ich mich vom Wissensarbeiter wegbewege, umso unwahrscheinlicher wird der PC Arbeitsplatz. Das ist natürlich. Doch diese Technikferne hat eben auch das Potential, dass man überlegen muss, wie sich ein angestrebter Wandel auch auf diese fernen Gruppen anwenden lässt. Ist hier die Überlegung für mobile Endgeräte der richtige Weg? Welchen Nutzen hat beispielsweise ein Enterprise Social Network für den Produktionsarbeiter und wie kann er gegebenenfalls darauf zugreifen? … oder das Weiterdenken der Unternehmensvernetzung Die technische Herausforderung gibt mir als Gestalter des Wandels die Möglichkeit, Alternativen zu erkunden und andere Wege zu finden, um die Transformation umzusetzen. Meine Erfahrung zeigt, dass auch in der Produktion ein solches Netzwerk sehr großes Potential hat und dieses Potential auch gewollt ist. Der Umsetzungsweg ist eben nur ein anderer. Aber eigentlich ist er recht einfach. Gebe jedem ein mobiles Endgerät oder ermögliche den Zugang zum Netzwerk durch entsprechende Infrastruktur und die Menschen werden es nutzen und vor allem effizient einsetzen. Eingeschränkte Möglichkeiten für ungeahnte Herangehensweisen Vielfach wagt man sich von der Konzeption eben noch nicht auf den Produktionsflur. Ich finde, unbegründet oder aus falschen Ängsten. Die Technikferne dieser Anwender gibt mir ein Bild für die Planung, das sowohl die Handhabung, den einfachen Umgang sowie das Verständnis für das System widerspiegelt. Der Wandel lässt sich entsprechend angepasst gestalten und ich prüfe auf die Möglichkeit der geringsten Voraussetzung. Es ist das Potential der Weiterentwicklung für alle Beteiligten des Unternehmens. Abschlussworte Was ich in diesen Blogbeiträgen aufgeführt habe, ist natürlich nur ein Bruchteil der umgekehrten Potentiale. Ich möchte Mut machen, dass negative Punkte auf mögliches Potential beleuchtet werden und offensichtliche Vorteile auch einmal im Licht der Hindernisse stehen sollten. Wir als Wandeltreiber und Transformationsbegleiter bewegen uns in einer Welt der täglichen Unterbrechung und Störung von Gewohntem. Dieses sollten wir bei Planung, Strategie und Konzeption auch immer wieder selber an uns üben und ausprobieren. Brechen Sie mit dem gewohnten und fordern Sie das Bekannte einmal heraus.

Über den Autor

Sebastian Thielke Consultant für Digital Transformation
Social Business und Enterprise 2.0 - Strategieentwicklung, Enablement, Kommunikation sowie Wertschöpfung mit dem Hauptaugenmerk: Der Mensch macht das Unternehmen.