Was man analog besser machen kann ...

Von Alexander Klier 20.07.2017
Was man analog besser machen kann ...

... um digital kompetent zu werden.

Bild (Alexander Klier): Ergebniskarte im Rahmen eines Workshops der Tagung der Hochschulrektorenkonferenz (hrk) am 26. Juni 2017 an der Hochschule München mit dem Titel "Bildung und Kompetenz für die digitale Gesellschaft und Arbeitswelt".

 

"Gute Frage: Funktioniert die Vermittlung digitaler Kompetenzen ohne eine (digitale) Transformation der Institution Hochschule?" (Aus einem Tweet von mir bei besetztem "Open Seat"). Irgendwie denke ich mir bei solchen Tagungen immer, dass sich die Tagung in ihrem Setting daran orientieren sollte, was es hierzu bereits an Erkenntnissen gibt. Dass dies eher selten der Fall ist, konnte ich auch im Rahmen dieser Tagung exemplarisch gut beobachten. Diesem Umstand ist mein Blogbeitrag gewidmet.

Es gibt nicht nur Rollenkonflikte sondern durchaus auch Rollensynergien. So jedenfalls würde ich meine Teilnahme an der Hochschulrektorenkonferenz zum Thema "Bildung und Kompetenzen für die digitale Gesellschaft und Arbeitswelt" am 26. Juni an der Hochschule München beschreiben. An dieser nahm ich nämlich sowohl als Social Learning Consultant, als auch als (interessierter) Lehrbeauftragter an der Hochschule München teil. Insbesondere meine Rolle als Teilnehmer an dieser Konferenz hat mich nachdrücklich erleben lassen, wie sehr sich digitale Settings von analogen Formaten unterscheiden können. Wohlgemerkt: können. Denn allzuoft weden auch digital lediglich analog bekannte Formate angewandt, wie auch umgekehrt nicht jedes analoge Format "undigital" ist, wenn man es richtig einsetzt. Die neue Form von Barcamps beispielsweise wird gerne als Ausdruck eines digitalen "Mindsets", mindestens der Veranstalter, gesehen. Und da ist wahrlich etwas dran, gerade wenn ich wiederum betrachte, wie "undigital" es mir als betroffenem Teilnehmer im Rahmen der Veranstaltung der Hochschulrektorenkonferenz, trotz eines "Open Seats", ging.

 

"Open Seat" vs. Twitter

"Die erste Diskussionsrunde greift die zentrale Frage auf, welche Bildung und Kompetenzen in einer Arbeitswelt 4.0 benötigt werden [...] Wir laden Sie ein, mit den Podiumsteilnehmern zu diskutieren – hierfür bleibt ein Platz für Interessierte auf dem Podium in Form eines Open Seat frei."

Immerhin: es gab einen (gewünschten) Hashtag: Unter #hm_digi sollte munter über die Tagung gezwitschert werden. Das Problem war jedoch ebenfalls bereits von Anfang an sichtbar: es gab keinerlei Rückbindung dieser Idee in das Auditorium. Vielmehr wurde die entsprechende Twitterwall in einem (zunächst leeren) Vorraum projiziert. Zumindest zum Mittagessen konnte dann ein Blick darauf geworfen werden, weil die Tweets in diesem Raum gezeigt wurden. Jedenfalls theoretisch, wenn die Teilnehmer*innen nach dem Essen noch Zeit und Lust dafür übrig gehabt hätten und sich auch in der Pause noch etwas getan hätte. Darüber hinaus hielt sich die Anzahl der Nutzer von Twitter im Rahmen der Veranstaltung in überschaubaren Grenzen. Was mich aber tatsächlich am meisten irritierte war dieses Miss- oder Unverständnis, wofür man Twitter, als digitales Tool und im Rahmen gerade solche Veranstaltungen, sinnvoll einsetzen könnte. So gesehen also fehlte ein Stück weit die digitale Kompetenz, mit dieser Anwendung adäquat umzugehen. Was dadurch auf die Spitze getrieben wurde, dass man sich demgegenüber analog sehr darum bemühte, über einen "Open Seat" die Fragen und Meinungen des Publikums auf die Bühne bzw. in den Kreis der diskutierenden Expert*innen zu holen.

Nach der Begrüßung und den einführenden Worten des Vizepräsidenten der Hochschule München, Herrn Prof. Dr. Klaus Kreulich, welche die Tagungsthematik verdeutlichen sollten, ging es in eine erste Diskussionsrunde, in der genau diese Diskrepanz aufschlug. Zunächst einmal war das gesamte Setting einer Podiumsdiskussion in einem ausgewiesenen Hörsaal ziemlich kurios. Was nun passierte war letztlich eine Folge genau dieses Settings. Der freie Stuhl war anfangs nicht besetzt, weil sich die Diskussion ohnehin zunächst einmal zwischen den eingeladenen "Experten" abspielte. Gegen Ende gab es aber dann doch drei mutige Teilnehmer*innen, die mit ihren Fragen und Anmerkungen die Diskussion etwas belebten. Das hob sich insofern wohltuend von der zuvor stattfindenden Debatte ab, weil es einen ersten Bezug zu neuen (digitalen) Kompetenzen gab, beispielsweise der Hinweis, das die vielzitierte Generation Y durchaus Kritik vertrage, allerdings auch viel mehr Transparenz (auch in Lehrprozessen) gewohnt sei.

Auch wenn über Twitter nicht so viel mehr Anfragen oder Meinungen kamen, so wäre es doch in meinen Augen der sehr viel leichtere Weg gewesen, das Auditorium, und zwar nicht nur das anwesende, in die Diskussion mit einzubeziehen.

Bild (Alexander Klier): Mein Tweet bzw. die Kommunikation zu der Frage, inwiefern es eine Twitterwall auf der Konferenz geben würde. Im Konferenzsetting wurde sie nicht berücksichtigt und insofern drängt sich schon die Vermutung auf, dass dies noch eher als störendes Element, denn als bereichern Ergänzung gesehen wird. Allemal, wenn man die Experten auf dem Podium befragt und nicht wahrnimmt, dass diese in großer Zahl durchaus auch im Auditorium sitzen.

 

Teilnehmer*innen, die niemand ernst nimmt ...

"Wir schaffen Lernräume, in denen Lehre stattfinden kann" (Zentrales Statement "meiner" Diskussionsrunde).

Eine Steigerung gab es im Anschluss an diese Expertenrunde nach dem Mittagessen. Steigerung durchaus verstanden in einem äußerst verstörenden Sinne. Was war geschehen? Für eine durchaus nicht unerhebliche Zeit waren nun Workshops vorgesehen, in denen wir als Teilnehmer*innen unter einer bestimmten Aufgabenstellung unsere Ideen und Vorstellungen einbringen sollten. Zu diesem Zweck begab ich mich in die Gruppe der Wirtschaftswissenschaftler und beteiligte mich sehr rege am gesamten Workshop. Es war klar, dass hier ein Impulsreferat nicht fehlen darf ;-). Schließlich kam es aber doch noch zu einem intensiven gemeinsamen Arbeiten am Thema, also einem echten Workshop. Ich fand unser Ergebnis nicht nur sehr überzeugend, sondern auch äußerst kreativ und habe unser zentrales Motto als Zitat (oben) gewählt. Als Ergebnis hatten wir etwas erarbeitet, was einer echten Rückbindung im Rahmen des restlichen Konferenzverlaufs, der sich daran anschließenden zweiten Expertenrunde, würdig gewesen wäre. War es aber nicht bzw. es wurde nicht als solches gewürdigt. Das einzige was aus den Workshops transportiert wurde, war eine sehr allgemeine Aussage dazu, welche digitalen Kompetenzen (Problemlösekompetenz, Analytische Kompetenz, Fachkompetenz etc.) in Zukunft im jeweiligen Fachbereich wichtig sein werden.

Spätestens hier war meinerseits der Zeitpunkt, äußerst frustriert zu sein und nur noch teilweise der weiteren Tagung zu folgen. Ich meine, dass es nicht nur mir so ging. Lernen kann man daraus sicher, dass die Organisator*innen es schon ernst meinen müssen, wenn sie Teilnehmer*innen dazu befragen, was sie von dem Thema halten. D.h. in allererster Linie, dass die erarbeiteten Ergebnisse die weitere Grundlage für die entsprechende Veranstaltung darstellen. Das jedoch war überhaupt nicht vorgesehen. Immerhin schafften es von den Ergebnissen der unterschiedlichen Workshops die jeweiligen Impulsreferate und Fotos der erstellten Pinwände sowie einige "Überschriften" der Diskussion in die offizielle Dokumentation der Tagung (hier). Doch das geschah alles im Nachgang und wird deshalb keinen nachhaltigen Einfluss haben. Eine echt vertane Chance, mehr über digitale Kompetenzen und die Lehre, die solche vermitteln kann, zu erfahren. Wir hatten uns nämlich auch dazu Gedanken gemacht (und machen sollen!), wie beispielsweise solche Kompetenzen geprüft bzw. in Leistungsnachweise gepackt werden könnten. Dazu hätte es aus meiner Sicht keiner externen Expertise gebraucht. Es gibt genügend eigene Experten, die etwas dazu beitragen können. Zumindest wir (als kleine interne Expertenrunde) hätten den Part der Vorstellung auch problemlos im Rahmen des gesamten Plenums zustande gebracht und uns über eine intensive Diskussion gefreut.

Bild (Alexander Klier): Noch ein Tweet und eine kleine "Diskussionsrunde" zu der Frage, wer nun eigentlich Experten in einer solchen Diskussion sind oder auch sein könnten.

 

... und Experten, die es auch nicht besser wissen

"Am Beispiel hybrider Studiengänge, wie z. B. das Wirtschaftsingenieurwesen, wurde aus der Diskussion ersichtlich, dass die Digitalisierung eine verstärkte Kooperation der Lehrenden bei der Identifikation geeigneter Inhalte und Formen erfordert" (aus dem Ergebnisprotokoll).

Nachgerade symptomatisch war für mich übrigens, dass bis auf diesen letzten Teil nie wirklich Studierende, die ja irgendwie das intendierte Ziel der gesamten Tagung waren, offiziell mitdiskutieren konnten. Auch dazu hätte man das Setting anders wählen müssen. Stattdessen erfolgte nach den intensiven Workshops eine weitere Podiumsdiskussion mit zwei Vertretern der Industrie, und endlich auch jemanden, der für die Studierenden sprechen konnte. Irgendwie sollten diese neuerlichen Experten nun formulieren, auf was es (ihnen) denn ankäme, wenn Sie die (äußerst mager dargestellten) Ergebnisse so sähen. Wie sinnvoll die einzelnen Überlegungen und Vorschläge waren, will ich hier nicht weiter bewerten, weil ich sie gar nicht mehr so intensiv mitverfolgt habe, wie ich oben schon schrieb. Besser als die Ergebnisse der Workshops waren sie jedoch mit Sicherheit nicht. Mir kommt es jedoch auf etwas anderes an, was ich in zwei Punkten kurz skizzieren will:

  1. Die Diskussion um digitale Kompetenzen dreht sich so lange im Kreis, als nicht geklärt ist, worin eigentlich das digitale im (neuen) Kompetenzbegriff stecken soll. Dabei geht es nämlich nicht um die Aufklärung irgendeines Mysteriums im Rahmen der Kompetenzen. Im Rahmen unserer kleinen Runde im Workshop, und nicht nur dort, wurde nämlich sehr schnell klar, dass es sich um die praktische Anwendung einer entsprechenden Lehre dreht. Mit anderen Worten: die ursprüngliche Definition von Kompetenzen (Qualifikationsrahmen) und Orientierung daran in der Lehre greift auch für digitale Kompetenzen. Was sich aber ändert, das sind die Rahmenbedingungen, in denen (digitale) Kompetenzen sowohl gezeigt, als auch erworben (und geprüft) werden können. Das ist strukturanalog der Debatte um den Technikeinsatz im Rahmen der digitalen Transformation zu sehen. Es ist nämlich nicht die Technik, welche  den Wandel verursacht oder ermöglicht. Es sind die neuen und anderen Prozesse und Strukturen, die dadurch möglich werden. Diese muss man dann aber auch gestalten.
  2. Was sich auf jeden Fall im Rahmen der digitalen Transformation im Bereich der Bildung verschiebt, das ist das Verständnis von Wissen (Details und Fakten bzw. auch Fachwissen), Experten (Lehrende vs. Studierende) und letztlich auch der an diese Vorstellung geknüpften Lernprozesse (Partizipation & Peers). Meine recht ausführliche Beschreibung dessen, was im Rahmen der Tagung mit mir als Teilnehmer geschehen ist, sollte genau diesen Aspekt in den Vordergrund rücken. Mit anderen Worten: das ganze Thema könnte im Bereich der Hochschulbildung ganz anders angegangen werden, wenn man die, die es betrifft, mit einbezieht. Partizipation ist nämlich mindestens einer der zentralen Kernaspekte des Neuen an der digitalen Lehre. Und das bedeutet nicht nur das Einbeziehen der Lehrbeauftragten, sondern zuallererst der Studierenden. Auch hier liegt die Analogie zur (digitalen) sozialen Kollaboration auf der Hand: diese gelingt nämlich nur, wenn die Beschäftigten selbst einbezogen werden und mitbestimmen können, wie sie zusammenarbeiten und mit wem sie es (im Rahmen ihrer Netzwerke) tun.