Watson und die offene Frage, ob Kant, wenn er denn noch lebte, sich im Grabe umdrehen würde

Von Siegfried Lautenbacher 07.03.2016

Bild: Stich von Immanuel Kant auf den Wikimedia Commons. Verwendung als gemeinfreie Datei (Creative Commons - 0).

Disclaimer: Dieser Beitrag ist für die #Blogparade von Stefan Pfeiffer #schlauerarbeiten entstanden. Mit seinem Think Tank valuescope verfügt der Autor über eigene machine learning und natural language processing Technologien und sein Team bei Beck et al. Services arbeitet derzeit an Watson basierten Apps. Dieser Einwurf ist theoretisch, in einem "liebenden Sinne" kritisch und gnadenlos subjektiv. 

Wissen ist Macht

Dieses heute verbraucht klingende und fast schon verpönte Sprichwort ist die verkürzte Version eines Satz von Francis Bacon, der in seiner ursprünglichen Version ("nam et ipsa scientia potestas est", aus den meditationes sacrae 1597, deutsch: denn auch die Wissenschaft selbst ist Macht) eine zutiefst aufklärerische Funktion hatte. Steckt doch in diesem Satz das Programm der Moderne, der Ausgangspunkt der Aufklärung: Wissenschaftliches Wissen, so die Hoffnung, ersetzt endlich und final die traditionellen Instanzen der Deutung der Welt, also die Religion mit ihren Priestern und die Herrscher mit ihrem absolutistischen Apparat. Wir haben es wahrlich weit gebracht damit.

 

"Wissen ist Rohstoff"

So lautet die heute gültige ökonomisierte Variante des Bacon'schen Satzes und als solcher wird Wissen behandelt: Mit seiner Industrialisierung nach dem tayloristischen Modell entstand die Vorstellung, Wissen managen zu können und es möglichst automatisiert und nach identischen Bedingungen zu (re-) produzieren, damit zu handeln, es zu kaufen oder zu verkaufen, es zu controllen und überflüßiges Wissen einfach zu entsorgen.

Diese Vorstellung beherrscht übrigens meines Erachtens auch unsere Bildungsdebatte. Die Apologeten der Kompetenzideologie verweisen darauf, dass es heute nicht mehr darauf ankomme, etwas zu wissen, sondern dass in der Anwendung und Verwertbarkeit des Wissens der Schlüssel zum Erfolg liege. Daher könne man in der Schule getrost auf Bildung verzichten, Hauptsache unsere Kinder lernen lernen. Lebenslanges Lernen wird so zu einem Mantra, zu einer Notwendigkeit, zu einem Zwang, nur niemand weiß mehr so genau, was eigentlich gelernt werden soll. Abgekoppelt und vergessen wird dabei die notwendige Voraussetzung für Wissen, nämlich das autonome Subjekt, das als Individuum in einem sozialen Bildungsprozess (soziales Lernen) seine Handlungsfähigkeit dadurch befördert, dass es auf dieses Wissen auch reflektieren und es dadurch verändern kann.

 

Und was hat das nun mit Watson zu tun?

In aufwändiger Werbung inszeniert sich Watson derzeit menschlich, allzumenschlich: "Er/Sie/Es" parliert mit Bob Dylan oder Serena Williams, besucht Selbsthilfegruppen, zeigt sich witzig, informiert, eloquent und selbstironisch.

"Watson thinks with us" lautet die Botschaft am Ende der Spots, "to outhink the limits". Mit dem Fokus auf Watson propagiert die IBM ein neues Zeitalter des Computings für sich. Es geht um nichts weniger, als um's "Cognitive Business". Das "Cognitive" verstehe ich dabei als angewandte künstliche Intelligenz, bei der es darum geht, sich mit Problemen zu beschäftigen, deren Lösung nur mit Hilfe von Intelligenz bewerkstelligt werden kann und nicht etwa durch das Befolgen von vorab erstellten Regeln.

Im Bereich der Künstlichen Intelligenz hat IBM ja auch eine lange Tradition. Damit meine ich nicht in erster Linie den legendären Erfolg bei Jeopardy. Die Tradition reicht zurück bis in die 50er Jahre, als Forscher der IBM zum Beispiel Dame-Programme entwarfen, die besser spielten als ihre Entwickler und KI-Programme zum Beweis geometrischer Theoreme entwickelten.

Stefan Pfeiffer nennt in seinem Beitrag zur Blogparade drei konkrete Anwendungsfelder, in denen uns Watson heute schon hilfreich beim Arbeitsalltag unterstützen könne. Schauen wir uns die drei doch genauer an:

  1. "Als persönlicher Assistent priorisiert es die Aufgaben oder erledigt sie bereits – wie E-Mails beantworten, Meetings anberaumen oder sogar den richtigen Ton einer Konversation mit anderen anzuschlagen.
  2. Als Expertenquelle beschafft es Antworten und Analysen zu bestimmten Themen. Je nach Branche kann dem System das entsprechende Fachwissen angefüttert werden. Auf Anfrage spuckt es auf den Punkt die entscheidende Information aus und führt den Nutzer an deren Quelle.
  3. Als Content Manager überblickt es sämtliche Inhalte, die für den Wissensarbeiter relevant sind – also E-Mails, Präsentationen, Bilder etc. Es weiß aber nicht nur, wo sie zu finden sind, sondern lernt auch, in welchem Zusammenhang sie gebraucht werden und stellt sie entsprechend bereit."

 

Mehr Autonomie oder Unmündigkeit, Herr Professor?

Hier kommt nun endlich Kant in's Spiel: Würde er Watson als nützlichen Helfer empfinden auf dem Weg, die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu führen? Zumindest leichte Zweifel sind angebracht, schreibt er doch:

"Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen." (Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung Kapitel 1)

Nun, wenn ich so manche Präsentation über Watson, die ich in letzter Zeit erleben durfte, Revue passieren lasse, dann tendiere ich dazu, dass Kant im Grab rotieren würde. Bei Watson überwiegt - so mein Eindruck - der industriealisierte Wissensbegriff. Als "intelligentes Materialwirtschaftssystem" liefert uns Watson das richtige "Teil" im richtigen Moment. Das mag ein Fortschritt sein, ob es aber zu "outhink" führt, wage ich zu bezweifeln. 

Vielleicht auch deswegen, weil der entscheidende Aspekt, der den Unterschied zwischen lernen und bilden macht, von vielen IBMern meiner Wahrnehmung nach oft übersehen oder nicht herausgearbeitet wird: Watson "lernt" zwar, aber Er/Sie/Es lernt von uns, wie wir z.B. priorisieren und passt sich uns an - und zwar im Sinne der oben angesprochenen angewandten künstlichen Intelligenz. Zugegeben: die konkrete Umsetzung dieses Versprechens bleiben die veröffentlichten APIs noch meist schuldig. Auch die großen Akquisitionen der IBM (zum Beispiel weather channel) zeigen meines Erachtens, dass die derzeitige Welle von KI eher im Bereich IoT und Big Data liegt. Wir sind erst am Anfang von Anders. Aber es wird rapide weitergehen, dafür sorgt auch der Wettbewerb zwischen den großen Playern IBM, Google, Amazon und Microsoft. 

 

Was muss passieren, damit wir Menschen  diese Entwicklung souverän meistern ?

 

  1. Wir brauchen Digitalkunde als Pflichtfach an unseren Schulen. Und zwar im umfassenden Sinne des oben skizzierten Bildungsbegriffs. Bildung ist eben - wie Liessmann richtig sagt - das "Programm der Menschwerdung durch die geistige Arbeit an sich selbst und der Welt". Pointiert gesagt heisst das: Latein und Digitalkunde sind die Schlüsselfächer zum Verstehen der Welt. Die neuen Lehrer sind "Magister", also Meister, die exemplarisches Lernen ermöglichen. Das Lernen selbst geschieht dabei kollaborativ.
  2. Die Computerethik rückt in den Mittelpunkt. Meines Erachtens ein unverzichtbarer Bestandteil der Digitalsierung. Die Roboterethik ist hier nur ein Teilaspekt, aber einer, der fürs autonome Fahren momentan intensiv diskutiert wird. Goldene Zeiten also für heutige Philosophiestudent*innen! (Wenn sie denn auch Informatik studiert haben).
  3. Wir brauchen keine Angst zu haben vor singularistischen Visionen. Kürzlich gab es ein interessantes Interview mit Jürgen Schmidhuber auf Spiegel Online. Er sagt darin voraus, dass wir "in naher Zukunft kleine Maschinen haben [werden], deren Fähigkeiten denen eines menschlichen Gehirns entsprechen." Dagegen sollten wir die Frage setzen, was die menschliche Intelligenz ist oder was die Menschen haben, das Maschinen eben nicht haben und auch nicht haben können. Darüber hat David Gelernter mit Gezeiten des Geistes ein unerhört gutes Buch geschrieben. 

Und bestimmt noch vieles andere mehr. Watson, ich freue mich auf die Zukunft mit Dir. Ich hoffe, dass es viele Partner gibt, die Deine Talente nutzen, um vielfältige Anwendungen zu bauen, die uns insgesamt weiterbringen. Und dass die Diskussion über Sinn und Unsinn von Künstlicher Intelligenz nicht ideologisch geführt wird. Dann könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden. Wenn gleich derzeit nicht auf Deutsch, nur auf Englisch. Eine weitere Herausforderung für Immanuel Kant. 

Hier noch der Buchtipp: David Gelernter, Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewußtseins, Ullstein Verlag 2016. Absolute Leseempfehlung!

Über den Autor

Siegfried Lautenbacher Gründer und Geschäftsführer
Gründer und Geschäftsführer bei Beck et al. Services. Lead Consultant für High Performance