Keine Antwort aus dem Maschinenraum! (Teil 2)

Von Alexander Klier 10.06.2015
Keine Antwort aus dem Maschinenraum! (Teil 2)

 
Keynote "Der Mensch in der digitalen Arbeitswelt: Chance für eine neue Humanisierung der Arbeitswelt" von Thomas Sattelberger auf der WING Konferenz am 06.05.2015 im Literaturhaus München.
Bild: Alexander Klier. Creative Commons 4.0 BA-SA (Namensnennung - Verwendung unter gleichen Bedingungen).

"Einige der wichtigsten Innovationen entstehen nicht durch neue Technologien, sondern durch andere Arten zusammenzuarbeiten und Arbeit zu organisieren" (Tom Malone, MIT; zitiert nach Thomas Sattelberger).

Im Teil 1 dieses Berichts über die Konferenz zum Thema "Trends und Herausforderungen für die Wissensarbeit der Zukunft" ging es um die empirischen Erkenntnisse, die im Rahmen des Wing-Projektes bisher gewonnen werden konnten (hier). In diesem Kontext, aber unabhängig von der Konferenz, haben sich Siegfried Lautenbacher (hier) und ich (hier) bereits im Rahmen des Social Business Arena 2015 - und darüber hinaus - Gedanken zum Thema des digitalen Wandels und den (notwendigen) Veränderungen für die Beschäftigten bzw. die Arbeitsbedingungen gemacht. Diese Konferenz hat uns aus der Sicht einer wissenschaftlichen Expertise, und damit auch argumentativ, unglaublich geholfen. Das will ich in diesem Teil 2 noch einmal anhand der Würdigung der Keynote von Thomas Sattelberger ausführen. Die Organisation und Durchführung der Konferenz dagegen ist in einem soliden und nicht disruptiven Rahmen verblieben. Besonders schade fand ich dabei, dass es nicht ansatzweise gelungen ist, das Publikum in die Diskussion mit einzubeziehen. Natürlich gab es beispielsweise am Ende der Podiumsdebatte die Möglichkeit (zurück) zu fragen. Doch insgesamt war der Rahmen nicht dafür geeignet, die Expertise aus den Unternehmen, die meiner Wahrnehmung nach geballt auf der Konferenz vorhanden war, für die Beantwortung der grundlegenden und tief greifenden Fragen einzubeziehen. Grund genug, auch darauf ein paar Gedanken zu verschwenden. Was die organisatorische Gestaltung der Konferenz betrifft, so gibt es in meinen Augen also durchaus Optimierungspotenzial. Mit anderen Worten: die geforderte Befähigung – oder wie wir bei BeaS (Beck et al. Services) sagen: Ermächtigung (der Beschäftigten) – müsste ihren Ausdruck auch in dieser Form des wissenschaftlichen und wissen schaffenden Austauschs finden. Um auf das Thema zurückzukommen: auch hier muss vom Expertenmodus in einen kollaborativen Austausch und auf gemeinsames Lernen umgeschaltet werden. Das Pendant dazu, das wir favorisieren, heißt Social Learning oder als Teilaspekt Learning out loud im Rahmen des Konzepts von Working out loud.

 

Warum nicht Learning out loud?

Nach der Mittagspause bestand die Gelegenheit, die praktischen Beispiele nicht nur vorgestellt zu bekommen, sondern anschließend im Bereich der "Speakers Corner" auch zu diskutieren. D.h. es wurde Raum und Zeit dafür gegeben, über die verschiedenen Projekte ins Gespräch zu kommen. Bemerkenswert hierbei war für mich auch, dass für zwei Unternehmen (Telekom und Audi) der jeweilige Betriebsrat das praktische Beispiel vorgestellt hat, bei Bosch erfolgte die Vorstellung gemeinsam mit dem Betriebsrat. Folgende Projekte wurden vorgestellt:

  • Robert Bosch GmbH - Beteiligung der Mitarbeiter in einer
    digitalisierten Arbeitswelt
  • Software AG - Global organisierte Wissensarbeit
  • andrena objects ag - Agilität und Empowerment in der
    modernen Arbeitswelt
  • Telekom Deutschland GmbH - Veränderungen begleiten
  • AUDI AG - Vision Ingolstadt 2030
  • IG Metall - Wissensarbeit gemeinsam verstehen und gestalten
 
Praxisbeispiele sollten die Relevanz für die Unternehmen verdeutlichen helfen. Und zudem aufzeigen, was konkrete Schritte sein könnten.
Bild: Praktische Beispiele auf der Tagung im Rahmen des Wing-Projektes. Foto: Alexander Klier, CC 4.0 (BY-SA)

 

Insgesamt waren die Beispiele zwar sehr nett und mitunter auch informativ, aber das, was mich am meisten interessiert hätte, war wohl in dieser Konstellation nicht zu diskutieren. Das wären folgende Fragen:

  • Wo liegen die Probleme bei der konkreten Umsetzung?
  • Wie kann man diesen Problemen wirksam begegnen?
  • Machen alle Beschäftigten mit?
  • Falls ja: Wie hat man das geschafft?
  • Falls nein: Wie geht man mit Verweigerern um?
  • Warum ist es so schwer, andere Unternehmen zu erreichen?

Dass dies schwer zu diskutieren war, das kann man nicht der Tagung in dem Sinn vorwerfen. Aber es zeigt natürlich, dass es nach wie vor unheimlich problematisch ist, unternehmensübergreifend wahrgenommene Probleme offen und ehrlich zu diskutieren. Seinen prägnantesten Ausdruck findet das Learning out loud momentan in sogenannten Barcamps. Insbesondere deshalb, weil die Beispiele ja gerade für eine Wissen schaffende Öffentlichkeit gedacht sind, wären sie hervorragend für ein Learning out loud geeignet. Aber zu einem solchen Schritt gibt es sicher noch im Rahmen der nächsten Konferenzen Gelegenheit. Eine Diskussion dieser Blogbeiträge wäre ebenfalls eine gute Gelegenheit - zumindest für eine Verbreitung des Themas. Und gegen Antworten aus dem Maschinenraum.

 

Wider das Denken aus dem Maschinenraum

"Je stärker die Kontrolle, je enger die Führung umso geringer das Commitment, umso geringer die gelebte Kreativität" (Thomas Sattelberger in der Pressemitteilung)

Die Deutsche Wirtschaft denke pfadabhängig und linear im Korsett von Industrie 4.0 und verpasse somit den Anschluss an den Informationsraum. Insofern spiegele der Hype um das Internet der Dinge überhaupt nicht wider, worum es bei der digitalen Transformation überhaupt gehen müsse und welche Prozesse tatsächlich sinnvoll zu verändern seien, so Thomas Sattelberger weiter. Da ist sicher viel Wahres dran. Am meisten beeindruckt hat mich an seiner Keynote die Direktheit, mit der er die Veränderungsnotwendigkeit ansprach. Und gleichzeitig darauf hinwies, wie wenig vorbereitet die Deutsche Wirtschaft immer noch ist, was die digitale Transformation betrifft. Für mich gab es dabei drei Kernelement, die bedenkenswert sind:

  1. Der Erfolg im Maschinenbau verhindert die Transformation im Organisationsbereich, weil die Antworten auf soziale Fragen (des Changeprozesses) technisch gegeben werden bzw.  technizistischen Vorstellungen folgen.
  2. Mit der Verlagerung von Entscheidungskompetenzen auf Communities und ihre Mitglieder kommen "neue Spieler" aufs Feld: Der Beschäftigte bzw. das Team. Eine Partizipation geht hier nicht in der Mitbestimmung, wie sie Gewerkschaften und Betriebsräte oft anführen, auf.
  3. Es wird in Zukunft einen Wettbewerb verschiedener Baupläne bzw. Organisationsstrukturen geben. Ein wichtiger oder gar zentraler Bauplan - unter mehreren - wird "das Demokratische Unternehmen" werden.
 
Für Thomas Sattelberger geht die Partizipation der Beschäftigten und die Befähigung von Teams nicht in der traditionellen Mitbestimmung auf. Hier müssen neue Wege und Strukturen gefunden werden - ohne die bisherigen Mitbestimmungsrechte auszuhebeln. Eine Position, die auch wir bei Beck et al. teilen.

Bild: Keynote von Thomas Sattelberger im Rahmen der Tagung des Wing-Projektes. Foto: Alexander Klier, CC 4.0 (BY-SA)

Die beiden letzten Punkte sind wiederum sehr schön anschlussfähig an unsere Positionierung bezüglich einer digitalen Transformation. Zur konkreten Ausgestaltung des digitalen Arbeitsplatzes haben auch wir bereits Überlegungen, welche die Ausführungen von Thomas Sattelberger konsequent weiterführen könnten. Siegfried Lautenbacher hat hier - nicht umsonst - etwas zum Demokratischen Unternehmen geschrieben. Hintergrund und Kern der seiner Argumentation ist dabei, dass es eigentlich darum geht (und gehen muss), den Communities die entsprechende Ermächtigung zu geben. Also ihnen beispielsweise das klassische Direktionsrecht des Arbeitgebers zu übertragen in dem sie selbst entscheiden, wie viele Teammitglieder dazugehören - und diese auch noch selbständig einstellen können. Praktische Beispiele hierfür gibt es auch - wenn auch nicht allzu viele. Das aktuellste ist die Restrukturierung von Zappos hin zu einer Holakratie. Das wiederum - und hiermit schließe ich die beiden Blogbeiträge vorerst - ist nicht nur eine neue begriffliche Variante oder Verirrung. Darin soll vielmehr zum Ausdruck kommen, dass die Communities und Teams Mitsprachemöglichkeiten bei strategischen Prozessen bekommen sollen, also auch die Ressourcenausstattung steuern können müssen. Es findet eine Verlagerung der Verantwortung und Mitbestimmung auf die Ebene kleiner Gemeinschaften hin statt, in welche die einzelnen Beschäftigten dann eingebunden sind. Das erfordert in der Tat nicht nur einen neuen Begriff. Sondern auch eine ausführliche Diskussion darüber, wie der entsprechende Demokratiebegriff nun aussieht und vor allem, wie er auch strukturell gelebt werden kann. Auf keinen Fall kann eine Antwort auf diese Frage aus dem Maschinenraum kommen. Da geben wir Thomas Sattelberger uneingeschränkt recht. Dieses war Teil 2 des Blogeintrages über die Fachkonferenz "Die digitale Arbeitswelt von morgen braucht die Menschen: Trends und Herausforderungen für die Wissensarbeit der Zukunft" im Rahmen des Wing-Projektes. Zum Teil 1, der die präsentierten empirischen Fakten beinhaltet und kurz analysiert, geht es hier.

Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

Follow me