Learntec 2017 - alles ziemlich analog

Von Alexander Klier 26.01.2017

"Wer verspricht, E-Learning werde (teure) Lehrkräfte überflüssig machen, hat keine Ahnung von Bildung und Pädagogik, damit aber auch keine Ahnung von E-Learning" (Werner Sesink 2003).

Dem Zitat von Werner Sesink kann man nur hinzufügen: Wer davon ausgeht, dass die digitale Revolution auch beim Lernen vorrangig über digitale Tools stattfindet, hat nichts von der Disruption beim E-Learning verstanden. Auch hier hat die Disruption primär die Organisation des Lernens bei den Lernenden als Ausgangspunkt.

Bild: Alexander Klier. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) möglich.

Das muss man der Learntec schon lassen: Das Programm ist dicht getaktet. Das gilt sowohl für die Möglichkeit, während der Messe an Diskussionsveranstaltungen teilzunehmen, als auch für den parallel dazu stattfindenden Kongress mit seinem Programm. Dass die massenhafte Beschäftigung mit digitalen (Lern-) Medien allein noch kein digitales Lernen, oder ein Wissen darum darstellt, zeigt die #Learntec2017 allerdings auch recht anschaulich. Ich will das nach meinem Besuch am Dienstag (24.01.2017) etwas überspitzt aufgreifen, weil es offensichtlich auch in der Branche der Hersteller digitaler Lerninhalte und Lerninstrumente ein offensichtlich tief sitzendes Missverständnis dessen gibt, was digitales Lernen bedeutet und wozu Technologien beim Lernen gut sein können bzw. was den Kern der digitalen Revolution hier ausmacht. Dazu gehe ich in drei Schritten vor:

  1. Der Analyse der Anlage der Learntec als analoges Messeformat (interaktiver Monolog)
  2. Erfahrungen aus Gesprächen mit Ausstellern und Beteiligten (digitales Gedöns) und schließlich
  3. einer kurzen Skizze unserer Erfahrungen, was das Thema digitales Lernen ausmacht (Social Learning Communities).

 

Interaktiver Monolog,

"Über 240 Aussteller und 200 Referenten stehen Ihnen mit ihrem Know-how zur Verfügung" (Webseite hier).

Ich gebe schon zu: Das ist zunächst ein großes Versprechen, welches zumindest zu einem Teil eingelöst wird. Gut gefallen hat mir nämlich, dass im Verhältnis zur Ausstellungsfläche der Anteil der Foren zur Diskussion und Vorstellung von Ideen recht ausgewogen ist. Das würde in der Tat grundsätzlich die Möglichkeit eröffnen, miteinander und untereinander ins Gespräch zu kommen. Allein: Ganz so ist es (leider) nicht gedacht. In der Regel werden über Präsentationen Unternehmen, Produkte oder Projekte vorgestellt, Platz für die Diskussion ist dann an den entsprechenden Ständen. Insofern gibt es zunächst nur einen großen Monolog im Rahmen der Foren. Mit einer Einladung zur späteren Diskussion. Das mag zwar interaktiv sein, ein Dialog ist es jedoch nicht, denn dieser setzt eine Augenhöhe der Gesprächspartner voraus.

Befasst man sich nun näher mit einigen Angeboten, beispielsweise mit angepriesenen interaktiven Programmen, so bedeutet interaktiv auch hier nur eine Steuerungsmöglichkeit der Lernprogramme. Lerner*innen können, das ist sogar ausdrücklicher Wunsch, ihren eigenen Pfad durch das Programm wählen. Überhaupt stehen Lerner*innen als Akteure im Mittelpunkt – und damit dann doch unbegleitet und alleine da. Zumindest dann, wenn man von der Idee des gemeinsamen, weil sozialen Lernens überzeugt ist. Hier doppelt sich der Monolog dadurch, weil in der Interaktion mit dem Programm nur möglich ist, was sich die Progrommierer schon vorher als Wahlmöglichkeit (meist der Reihenfolge) festgelegt haben. So gesehen unterhalten sich die Lernenden mit sich selbst. Ein Austausch der Lerner*innen untereinander ist nämlich explizit nicht vorgesehen, wie man mir versichert hat. Das würde von den Unternehmen nicht nachgefragt – und würde die Komplexität der Programme außerordentlich erhöhen. Dafür bekommt man wenigstens "Wissen" spielerisch in Form von Snacks serviert.

Ein interaktiver Austausch mit Expert*innen statt einem echten und interaktiven Dialog unter Gleichgestellten ist noch prägend für die Messe Learntec.

Bild: Screenshot eines Tweets von uns. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA) möglich.

Was passiert da eigentlich, sozusagen Slot an Slot? Nun - die Aussteller haben die Möglichkeit, etwas zu ihren schönen Tools und Gerätschaften zu sagen. Allerdings, und das ist das weitere digitale Missverständnis, in Form von Expertenwissen. Dem entspricht, dass es zumindest für den Messebereich keinerlei Ein- bzw. Anbindung von Externen, beispielsweise zur Vorbereitung oder Nachbereitung von Inhalten, gibt. Jedenfalls mir nicht ersichtlich. Wie es irgendwie auch nicht wirklich vorgesehen war, beispielsweise über Hashtags im Rahmen einer Twitterwall mitzubekommen, was den gemeinen Besucher der Learntec so bewegt und welche Fragen er hat. Das ist insofern nicht nur schade, als gerade das Einbeziehen (empowern) derjenigen, die davon betroffen sind, das ausmacht, was wir unter einer digitalen Transformation verstehen. Viele Indizien also dafür, dass die digitale Revolution noch nicht wirklich auf der Learntec angekommen ist.

 

digitales Gedöns und

Sprachlich gesehen ist die Learntec auf der Höhe der Zeit. Da wird überall empowert und enabelt, Talente werden gemanagt und auch die Reise des Kunden (Customer Journey) steht an erster Stelle. Manchmal blitzt dann doch durch, dass es auch um eine Learner-Journey geht oder vielleicht sogar gehen muss. Aber eben nur manchmal. Sehr schnell wird jedenfalls deutlich, dass Kunde nicht zwingend bedeutet, Nutznießer der angebotenen Produkte und Programme zu sein. Ansonsten bleibt es bei oberflächlichen Begrifflichkeiten. Das soll nun nicht bedeuten, dass nicht einige spezielle Programme oder Hardwareangebote äußerst sinnvolle Tools darstellen. Aber mit Sicherheit erst dann, wenn sie in den Gesamtkontext des Lernens in den Unternehmen sinnvoll eingebunden werden. Wenn also, mit anderen Worten, ein pädagogisches und didaktisches Konzept dahinter steht.

Konzepte wiederum lassen sich nicht so gut verkaufen wie eben konkrete Produkte oder Programme. Wenn man insgesamt etwas über die Tools und Programme aussagen kann, dann dies: dass hier Big-Data ordentlich Einzug gehalten hat. Alles was irgendwie quantifizierbar ist, kann toolmäßig gemanagt, visualisiert oder auch verwaltet werden. Aber die grundsätzliche Frage bleibt dabei: wo steckt der Sinn hinter all den prozessierten Daten, wenn beispielsweise automatisch Lebensläufe mit ausgeschriebenen Stellen abgeglichen werden, um damit die dahinterliegenden Talente mit ihren Softskills zu managen? Auch hier Sprachlosigkeit bezüglich der neu aufkeimenden Diskussion über Teamplayer, kollaboratives Zusammenarbeiten oder soziales Lernen im Sinne des Lernens in Gruppen und Teams.

 

... Social Learning.

Monologe und Sprachlosigkeit bezüglich des Social Learning auf der Learntec haben nicht nur damit zu tun, dass diese besonderen Kompetenzen überhaupt nur in der Praxis vollzogen, und damit auch nur hier sicht- und überprüfbar werden. Sie sind auch dem dahinterliegenden hochindividualistischen Bild von Selbst-Lerner*innen, dem der soziale Gedanke – als möglicher Störfaktor – fremd ist, geschuldet. Dennoch: in vielerlei Nebenbemerkungen und manchmal auch Präsentationen kommen die Gedanken der digitalen Revolution dann doch noch zum Tragen. Beispielsweise indem bei der Vorstellung von "Open Educational Resources" (OER) deutlich wird, dass es hier von Anfang an um etwas anderes geht. Dass Studierende als Lerner*innen plötzlich zu Inhaltsproduzenten werden, die eine eigene Expertise aufweisen – und nicht mit proprietären Werkzeugen abgespeist werden sollten. Es wird spannend bleiben, diese Entwicklung weiter zu verfolgen. Wir werden bei Beck et al. Services in jedem Fall mit unseren Ideen zum Thema Social Learning Communities weiter dazu beitragen, dass diese neuen Dimensionen des Lernens zum Tagesthema werden. Auch auf der Learntec und vielleicht schon 2018.

Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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