München - Wir haben ein Problem!

Von Alexander Klier 17.02.2016
München - Wir haben ein Problem!

Mit der Auftaktveranstaltung "Digitalisierung und Zukunft der Arbeit" am Montag, 15. Februar 2016 hat das "Munich Center for Internet Research", kurz MCIR, an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften offiziell seine Arbeit aufgenommen.

Foto: Alexander Klier. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons - Namensnennung und Share Alike (BY-SA) möglich.

Ein Problem? Viele, so möchte man nach der Auftaktveranstaltung des "Munich Center for Internet Research", kurz MCIR, fast sagen. Zumindest war das mein erster Eindruck nach den Eröffnungsstatements der geladenen Experten. Und dennoch: Im Kern drehte sich die Diskussion um die digitale Transformation und seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Zumindest von der Einladung her (hier) und nach dem Hinweis der Moderatorin, Dr. Alexandra Borchardt von der Süddeutschen Zeitung. Mich hat es gefreut, dabei sein zu dürfen. Einleitend redeten und diskutierten:

  • Christiane Benner, Soziologin und Zweite Vorsitzende IG Metall
  • Felix Haas, Gründer, Investor, Macher von Bits & Pretzels
  • Prof. Dr. Dieter Rombach, Prof. für Software Engineering I FB Informatik, TU Kaiserslautern, Direktor I Fraunhofer IESE, Kaiserslautern
  • Thomas Sattelberger, Publizist, Politikberater, früherer Topmanager, Mit­herausgeber „Das demokratische Unternehmen"

Schön, dass die Aufzeichnung des Livestreams bzw. der Abruf der Aufzeichung der Veranstaltung (hier), die Diskussionen via Twitter (#mcirmuenchen & #mcirtalks oder hier) oder auf Facebook (@mcirmuenchen) bzw. der Chat (hier) geklappt haben. Das verspricht in jedem Fall schon mal nachhaltig im Sinne eines reflexiven Veranstaltungsmanagements zu sein, denn so kann der geneigte Leser, oder auch die Leserin, noch mal selbst "nachsehen" und bewerten. Ich will mich in und mit diesem Blog an eine kurze inhaltliche Einschätzung und Bewertung der Veranstaltung machen. Das ist, ob der Bandbreite des Themas und Vielfalt der angesprochenen Punkte, gar nicht so leicht. Dabei interessiert mich besonders, was das über unser Kernthema einer sozialen Kollaboration aussagt - oder für unser Anliegen einer vernetzten Organisation bedeuten könnte.

 

Veränderungsphobien, Grauzonen und Unkeuscheit

 

 

 

 

 

 

Bild: Tweet von Thorsten Riedl unter #mcirtalks

Nach einer Begrüßung des Publikums durch Prof. Dr. Alexander Pretschner, Sprecher des MCIR Boards, folgten die einzelnen Gäste auf dem Podium. Sie hatten jeweils ca. 10 Minuten Zeit, ein Statement abzugeben. Anschließend gab es ein bis zwei Fragen von der Moderatorin zu den angesprochenen Aspekten. Daran hielten sich lobenswerterweise alle - jedenfalls mehr oder weniger. So wurde in einer relativ kurzen Zeit ein Bündel an Themen präsentiert, die sowohl einen Anreiz zur Diskussion boten, als auch die verschiedenen Dimensionen des digitalen Wandels adressierten.

  • Christiane Benner forderte, dass Industrie 4.0 keine Verlierer produzieren dürfe, was in ihren Augen auch das Thema Crowdworking und überhaupt die Zusammenarbeit auf digitalen Plattformen betrifft. Gleichzeitig betonte sie, dass zumindest die IG Metall die Einladung zum Dialog, die ausdrücklich ausgesprochen worden war, annehmen würde, denn nur gemeinsam seien die vielfältigen Probleme zu lösen.
  • Thomas Sattelberger eröffnete seine Überlegungen mit in meinen Augen nicht ganz so überzeugenden Thesen. Er bescheinigte dabei "den" Deutschen, dass sie an Technologie- und Veränderungsphobien leiden würden und behauptete, dass viele Innovationen in Grauzonen und manchmal schmutzig beginnen würden. Ohne Militärdrohne würde es beispielsweise keine Logistidrohne geben. Was wollte er damit wohl ausdrücken? Letztlich glaube ich nicht, dass sich so ein Zusammenhang ohne weiteres herstellen lässt. Aber wahrscheinlich war das eher zum wachrütteln gedacht.
  • Dieter Rombach wiederum erzählte etwas über zwei verschiedene Welten, die Ingenieurswelt in Deutschland und die digitale Welt in den Vereinigten Staaten. Sein Statement, dass die Digitalisierung mit ICE Geschwindigkeit vonstatten gehen würde – mit oder ohne uns – kam beim Publikum durchaus an. Er verspricht sich von einer Verschmelzung dieser beiden Welten einen wesentlichen Beitrag, den digitalen Wandel zu gestalten.
  • Felix Haas schließlich war als Gründer und Investor im digitalen Sektor eingeladen. Er erzählte etwas zur Geschwindigkeit und Frequenz digitaler Innovationen. Diese würden ihm tatsächlich Sorge bereiten. Dabei monierte er, dass es fast keine Entscheidungsträger geben würde, die davon eine Ahnung hätten, geschweige denn die notwendige Geschwindigkeit an den Tag legen würden, die drängenden Fragen auf der sozioökonomischen Ebene zu beantworten. Welche Fragen das sein könnten und wer entscheiden müsste, blieb mir allerdings auch nach seinen Ausführungen verborgen.

Nachdem etwa eine Stunde vorüber war ging es dann (und ich finde das tatsächlich überraschend schnell) dazu über, Fragen aus dem Saal und aus den Onlinekanälen zu sammeln und darüber zu diskutieren. Jetzt wurde es erst richtig interessant, denn jetzt fielen Sätze wie etwa "Technik ist nie die Lösung, aber ohne Technik gibt es keine Lösung" (Dieter Rombach),  "Der Mensch muss von Anfang an mitgedacht werden" (Christiane Benner) oder auch "Es muss neu über den Begriff der Arbeit diskutiert werden" (Thomas Sattelberger).

 

Was für ein Problem war das nochmal?

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Tweet von Christoph Nieberding unter #mcirtalks

So vielfältig die einführenden Aspekte waren, so unterschiedlich fielen nun auch die Fragen aus. Gleich die erste Frage aus dem Plenum drehte sich beispielsweise darum, wie man die Energieversorgung gegen mögliche Attacken schützen könne. Ach ja, spannend, dachte ich. Aber ob uns diese Frage wohl dem Thema näher bringt? Die Fragen aus dem Live Chat wurden durch einen "Anwalt des Online-Publikums", der allerdings nur online im Chat als solcher gekennzeichnet worden war, überbracht. Er gliederte die doch vielfältig eingegangenen Fragen in drei Kategorien, als da wären:

  • Sorgen über die Konsequenzen des digitalen Wandels
  • Fragen, wie eine Anpassung gelingen könnte und
  • euphorische Statements zur Notwendigkeit der Transformation.

Die erste konkret gestellte Frage war dann in etwa die: "Wie kann ich meine Kinder auf den digitalen Wandel vorbereiten?" Dem folgte wieder eine Frage aus dem Plenum, die ausloten wollte, warum immer die deutschen irgendwie die "Deppen" sein würden. In meinen Augen also durchaus sehr weitreichende Fragen. Wobei: das meine ich jetzt doch eher ironisch. Nicht umsonst griff nun noch einmal die Moderatorin ein, indem sie einen Rückbezug zur Problematik der Veranstaltung herstellte und die Frage noch einmal präzisierte: "Wie werden wir in Zukunft arbeiten?"

Die klarsten Aussagen dazu gab es nun von Thomas Sattelberger, der betonte, dass hoch repetitive Tätigkeiten, also Arbeiten mit einem hohen Routineanteil, nahezu vollständig durch Roboter ersetzt werden werden. Dem stellte er gegenüber, dass es einer Kompetenzbildung und Zuwendung auf die Bereiche von "High-Tech" und "High-Touch" (personale Dienstleistungen) bedürfe. Und schon ging es in die nächste Runde, diesmal auf das weite Feld von Aus-, Fort- und Schulbildung.

So im Nachgang betrachtet finde ich es schon äußerst bemerkenswert, dass zu dieser grundlegenden Frage, nämlich wie wir in Zukunft arbeiten werden, die ja eigentlich der Aufhänger der ganzen Veranstaltung war, so wenig diskutiert wurde. Abseits von Rahmenbedingungen und Veränderungen in der notwendigen Kompetenzbildung gab es zu der Frage, wie der digitale Wandel möglicherweise auch die Zusammenarbeit in und zwischen den Unternehmen verändert, nicht ansatzweise eine qualifizierte Auseinandersetzung. Dabei wurde das Thema von Christiane Benner eingangs anhand einer möglichen Entwicklungslinie, nämlich der des Crowdworking, durchaus angetriggert. Ich vermute, das hat damit zu tun, dass die tayloristische Hintergrundfolie nach wie vor so prägend ist, dass dazu keine Alternativen gedacht werden (können). Und natürlich auch, dass eine Veränderung hin zu einem demokratischen Unternehmen, die Thomas Sattelberger in seinem Eingangsstatement ebenfalls kurz angesprochen hatte, eine derartige organisationale Revolution bedeuten würde, dass es derzeit bei einzelnen Vordenker*innen und Beispielen bleibt. Ich empfinde das als eine vertane Chance. Übrigens: genau unter diesem Aspekt hat mir die Tagung des Wing Projektes "Die digitale Arbeitswelt von morgen braucht die Menschen" letztes Jahr, über die ich hier und hier in zwei Teilen berichtet habe, wesentlich besser gefallen. Sie war, zum Teil mit den gleichen Akteuren, wesentlich zielgerichteter auf das Thema fokussiert. Allerdings handelte es sich auch um eine Tagesveranstaltung mit mehr Zeit, das Thema zu entfalten.

 

Kollaboration statt Qualifikation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Tweet von Daniel Méndez unter #mcirtalks

Zurück zur Diskussion, die sich nun im weiteren Verlauf zumeist mit der Zukunft von Bildung und Ausbildung beschäftigte. Dieter Rombach und Thomas Sattelberger waren sich einig darin, dass die Zukunft im interdisziplinären Lernen liege und eine polytechnische Ausbildung, wie sie beispielsweise die ehemalige DDR hatte, eine spannende Idee darstellen würde. Christiane Benner brachte berechtigterweise ein, dass das natürlich auch über eine duale Ausbildung funktionieren würde. Sie merkte darüber hinaus an, dass es nicht nur um konkrete sachliche Inhalte gehen dürfe, die gelernt werden sollen, sondern vielmehr um eine kritische und reflexive Kompetenzbildung gehen müsse. Den inhaltlich interessantesten Beitrag dazu lieferte in meinen Augen Felix Haas, indem er an seinem eigenem Beispiel, nämlich dem Studium der Elektrotechnik, darstellte, dass das Umfeld, das sich ausschließlich "mit Lötkolben und Platinen" beschäftigte, nicht wirklich hilfreich war. Eine Dynamik gab es für ihn erst durch und mit dem Austausch von Kommiliton*innen ganz anderer Fachrichtungen, wie etwa aus Medizin und Psychologie. Erst dieser Austausch hat als "Brutstätte" zu den ersten Gründungen geführt und geholfen, kollaborativ Ideen zu entwickeln. In meinen Augen ein schönes Beispiel für das, was ich als Social Serendipity kenne und noch gesondert stark machen werde.

Betrachte ich diese Diskussion rückblickend, dann kann ich nun doch wieder sagen, dass zumindest indirekt viel über soziale Kollaborationen und künftige Zusammenarbeit geredet worden ist. Denn die Beispiele dafür, wie es künftig nicht mehr funktioniert, kommen eindeutig aus tayloristischen Betriebsorganisationen. Ob Quereinsteiger oder auch die Bereicherung und Erweiterung der Fachqualifikation um die Kompetenzen Kommunikationsfähigkeit und Reflexionsfähigkeit: hier stehen im Hintergrund Beschäftigte, die sich weniger über eine fachliche Qualifikation und Fähigkeiten in der Ausführung eignen, als vielmehr darüber, dass sie aktiv ihren Interessen nachgehen, dabei leiten und steuern und daran ihre Talente entwickeln können. Sehr schön brachte das Felix Haas auf den Punkt, als er betonte, dass es um die Frage gehen muss: "Was will ich als Mensch, wo passe ich hin?" Zugegeben: Im Moment meist noch ein sehr utopischer Entwurf, was das Arbeiten in Unternehmen betrifft. Dazu, was es für die berufliche Aus- und Fortbildung bedeutet, wenn Kollaboration den Vorrang gegenüber einer Qualifikation bekommt, habe ich mir hier im Rahmen meines privaten Blogs ausführlichere Gedanken gemacht.

 

Erwünscht: nicht nur elitäre Antworten

Prof. Dr. Alexander Pretschner, Sprecher des MCIR Boards, begrüßt die Gäste im Saal und führt in das Thema ein.

Bild: Alexander Klier. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons - Namensnennung und ShareAlike (BY-SA) möglich.

Diese Utopie einer künftigen kollaborativen Zusammenarbeit soll keinesfalls verdecken, dass die nicht beantwortete Frage, ob in Zukunft überhaupt noch alle Menschen, die es wollen, eine Arbeit finden können, durchaus als offene Frage stehen geblieben ist. Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Lösung beitragen könnte, wurde auf dem Podium eher kritisch eingeschätzt. Doch das ist sicher eine der Fragen, die das MCIR - neben all den anderen Problemen - künftig aufgreifen und bearbeiten kann. In diesem Sinne hoffe ich sehr, dass der Schlussappell von Thomas Sattelberger angekommen ist. Er wünscht sich nämlich von der künftigen Arbeit des MCIR, dass an seiner Forschung nicht nur "die akademische Elite" beteiligt ist, sondern dass es zu einem agilen Institut wird, das auch schnell ganz praktische Aspekte mit aufgreift und den Dialog mit allen Beteiligten sowie den Betroffenen sucht und führt. Erst dann, so denke ich, würde es tatsächlich hilfreiche Antworten aus München auf konkrete Problemstellungen geben. Wir bei BeaS stünden dafür auch immer zur Verfügung.

Neugierig auf mehr bzw. die weiteren Diskussionen hat die Veransaltung in jedem Fall gemacht. Der Saal war ausgebucht und auch Online gab es eine gute Beteiligung. Im Rahmen der Auftaktveranstaltung das Interesse am Thema zu wecken ist in meinen Augen also gelungen. Dabei kann ich noch überhaupt nicht einschätzen, warum – zumindest meiner Wahrnehmung nach – von den Anwesenden im Saal mehr als die Hälfte wohl nicht mehr im aktiven Erwerbsarbeitsleben steht. Mit Sicherheit ist das ein Indiz dafür, dass neben der Organisation der Zusammenarbeit auch der Begriff der Arbeit neu auszubuchstabieren ist. Daran beteiligen wir uns bei BeaS aber auch gerne.

Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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