Rahmenbedingungen für die Zukunft der Arbeit - 2

Von Alexander Klier 03.03.2015
Rahmenbedingungen für die Zukunft der Arbeit - 2

English Version

Das Pendant zum Bild im Beitrag 1 hat einen anderen Ort, aber das gleiche Thema: Lebenswelt und Arbeit. In der Studie von Adolph Menzel ist die Lebenswelt im linken und rechten unteren Eck zu sehen (Arbeiter, die sich waschen und die gemeinsam - mit der Familie - essen).
Bild: Adolph von Menzel - Das Eisenwalzwerk als gemeinfreies Werk.

 

Im ersten Teil dieses Blogbeitrags ging ich der Frage nach, was geregelt werden muss, damit es für die Zukunft der Arbeit verlässliche und transparente Rahmenbedingungen gibt. Der Hintergrund ist, dass dieser Blog meinen Rahmen abstecken soll, um im Rahmen der Social Business Arena auf der CeBIT 2015 Stellung nehmen zu können. Der nun folgende zweite Teil des Blogbeitrags behandelt die Frage, wie zu regulieren ist. Dies ist mit Abstand die wichtigste und zugleich auch die schwierigste Frage. Insofern stellen meine Antworten auch nur einen ersten Versuch dar, der natürlich kritisch zu diskutieren ist.

 

Die Rückkehr der Lebenswelt

Wie ist also nun zu regulieren? Hier der Versuch einer ersten Antwort auf die schwierige dritte Frage. Dazu noch einmal ein Rekurs auf den Rahmen, der sich auflöst und entgrenzt: Eine zentrale "Errungenschaft" des Taylorismus war, jeglichen lebensweltlichen Bezug der Beschäftigten zur Arbeit - als vermeintlich unproduktiv - aus dem Produktionsprozess auszuschleusen. Das wurde so erfolgreich gelöst, dass selbst Pausen (bzw. ihre Anrechnung auf die Arbeitszeit), an sich das natürlichste der Welt, immer wieder hart umkämpfte Territorien und Ziele gesetzlicher und tarifvertragliche Vereinbarungen waren. Will man die Entgrenzung positiv regeln, so müssen diese beiden Seiten, Arbeitswelt und Lebenswelt, zu ihrem Recht kommen bzw. zusammengeführt werden. Wenn also während der Freizeit Leistung erbracht wird, weil es sinnvoll scheint, dann ist genauso wichtig, während der Arbeitszeit private Dinge regeln zu können. Dies habe ich an anderer Stelle "die Rückkehr der Lebenswelt in die Arbeit" genannt. Dieser Ansatz legt nicht nur für mich in Teilen nahe, dass "die Arbeitswelt von morgen der Agrargesellschaft von einst mehr ähneln wird als der Industrie- und Büroarbeitergesellschaft von heute" (Negelmann). Eine solche positive Regulierung wird auch über die Lebensspanne mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen und Phasen zu gestalten sein.

 

Rahmen, Regeln und Normen

Neben dem Inhalt der Frage, wie zu regulieren ist, geht es jedoch vor allem um den Tatbestand, welche Verfahren und Regeln greifen könnten, damit ein neuer, stabiler, transparenter und verlässlicher Rahmen entsteht? Und hier kann man wieder sehr schön auf das Beispiel der Social Collaboration zurückgehen. Die neuere Anthropologie und Ethologie kann deutlich zeigen, dass das gemeinsame Leben und Arbeiten im Verband, also in der Gruppe, ein evolutiver Vorteil und damit ein Teil der Conditio Humana ist. Sie kann weiter zeigen, dass daraus praktisch unmittelbar auch geteilte Normen und Regeln entstehen, damit die Kollaboration für alle stabil nachvollziehbar ist (vgl. hierzu vor allem Tomasello hier). Diesen Umstand kann man sich in der betrieblichen Social Collaboration zu Nutze machen. Allerdings, und das ist die zusätzliche Herausforderung, muss man diesen Umstand selbst transparent und nachvollziehbar auf der betrieblichen Ebene bzw. unternehmensweit klären und kodifizieren. Das bedeutet im Klartext, dass es sowohl gesetzliche und tarifliche Regelungen, als auch Betriebsvereinbarungen geben muss, die den Rahmen abstecken innerhalb dessen die einzelnen Gruppen und Teams eigenständig und voll verantwortlich den Umgang in und mit der Arbeit regeln. Wie so vieles werden jedoch die Rahmenregelungen nur dann wirklich greifen, wenn sie von den betroffenen Beschäftigten im Rahmen ihrer Gruppen angenommen werden.

 

Wenn schon, denn schon

Bedauerlicherweise wird der konsequente Weg hin zu einer echten Social Collaboration nur ganz selten beschritten. Doch eigentlich wäre es die logische Konsequenz. Was würde das in Bezug auf die Rahmensetzung bedeuten? Zum einen, dass die Gruppen und Teams im Rahmen ihrer Arbeitsaufgaben und der Prozessgestaltung auch Verfügungsgewalt über die Ressourcenausstattung bekommen, also für sich bestimmen können, wie viel Zeit bzw. Personen zur ordentlichen Erledigung notwendig sind. Das ist der erste entlastende Anteil. Zum andern, dass es robuste Konfliktregelungsmechanismen und Transparenz geben muss, weil sich auch hier, oder gerade deshalb, noch viele Widersprüche und unterschiedliche Anforderungen ergeben werden. Das ist der zweite entlastende Anteil und sicher eine der zentralen Triebfedern für die Debatte um annähernd demokratische Prozesse bei der Ausgestaltung der konkreten Arbeit. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass diese Grundsatzregelungen quasi auf einer Ebene darüber erst initiiert und ermöglicht werden müssen. D.h. wiederum, dass die genaue Ausgestaltung nicht den (abstrakten) Betrieben obliegt, sondern auf die Gruppen- und Teamebene verlagert werden muss. Wenn das mal keine Herausforderung ist. Aber wenn schon eine Social Collaboration gewünscht ist, dann bitte nicht auf halbem Weg stehen bleiben.

Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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