Sprachfehler. Eine Replik auf Lars Vollmer

Von Siegfried Lautenbacher 29.09.2016

In der Studie von Adolph Menzel ist die Lebenswelt im linken und rechten unteren Eck zu sehen (Arbeiter, die sich waschen und die gemeinsam - mit der Familie - essen).
Bild: Adolph von Menzel - Das Eisenwalzwerk als gemeinfreies Werk.

Als ich den Beitrag "Denkfehler der New Work Bewegung" von Lars Vollmer in der Capital vom 23.09.2016 gelesen hatte, war ich zunächst erstaunt. Erstaunt darüber, was der Inhalt dieses Beitrags ist und erstaunt darüber, dass er so vehement die New Work Bewegung verurteilt. Dann war ich aber auch verärgert: Verärgert darüber, welche seltsame Argumentation mir da präsentiert wird. Meine Replik ist dem zweiten Anteil, dem Ärger, geschuldet. Dieser ergibt sich aus den meiner Wahrnehmung nach völlig anderen Wirkprinzipien der Wirtschaft - oder besser in der Wirtschaft. Es geht mir also nicht darum, New Work zu verteidigen, wenngleich ich einige Argumente daraus verwende werde. Weil sie einfach richtig sind. Ich werde dabei meine Argumentation entlang des Originalartikels orientieren. Fangen wir also mit der Arbeit an.

 

Falsche Fährte

Bereits zu Beginn, in der Überschrift, legt Lars Vollmer die Fährte in die falsche Richtung, wenn er sagt: "In der Wirtschaft dreht sich alles um den Kunden". Schön wär's, könnte man dem entgegnen - doch das gelingt noch nicht mal in der bayerischen Gastwirtschaft. Aber folgen wir erst einmal den Begriffen in dieser Aussage. Eine Wirtschaft "an sich", um mit Hegel zu sprechen, gibt es nicht. Wohl kann man Funktionsprinzipien aufweisen, doch dabei kommt es sehr darauf an, welchen Bereich man damit meint. Genauer: Spricht man von der Volkswirtschaft oder der Betriebswirtschaft? Gemeint ist bei Lars Vollmer wohl letzteres. Hierzu gibt es umfangreiche Literatur, die zumindest eines aussagen: die Handlungsgründe sind in Unternehmen genauso unterschiedlich wie die einzelnen Akteure bzw. Stakeholder. Zu letzteren gehört der von Lars Vollmer ausgemachte Kunde. Aber nicht alleine. Auch der Begriff Kunde (intern oder extern?) kann nicht so wirklich einheitlich gebraucht werden. Und es gibt nicht selten einen deutlichen Unterschied zwischen Auftraggeber, also demjenigen, der bezahlt, und Kunden, also denjenigen, die das Bezahlte gebrauchen (sollen). Mitsamt den unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen. Ich werde speziell auf die Kundenbeziehung noch einmal zurückkommen.

 

Ein wenig Anthropologie

Der nun ausgeführte Aspekt ist folgenschwerer. Doch davor die Originalaussage: "Ein Unternehmen existiert alleine dadurch, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat, Ansprüche, Bedürfnisse oder Wünsche von Kunden zu befriedigen […] Die Arbeit entstand dadurch sekundär!" Anthropologisch gesehen ist diese Aussage falsch. Arbeit entstand als Eigenart von Menschen zur Kollaboration und, damit eng verbunden, zur Kommunikation. Diese Kompetenz gemeinsamer Zusammenarbeit war nötig, um die Welt und Umwelt zu gestalten und ein besseres Leben im Sinne von Versorgungssicherheit und Schutz, beispielsweise durch Häuser, zu erreichen. Daraufhin konnten sich Kulturen, mitsamt der Kunst, entwickeln - in Form von frühen Communities, wie es die Sprachentwicklung nahe legt. Erst später entstand der Warenhandel als spezielle Form der Arbeit und Herstellung von Gütern für den Tausch gegen andere Güter. Und erst noch viel später entstand eine spezifische Organisation von Arbeit: Die Erwerbsarbeit, was der eigentlich von Lars Vollmer gemeinte Begriff ist, als Pendant zur tayloristischen Fabrikorganisation und fordistischen Gesellschaftsorganisation. Arbeit im Sinne einer Arbeitsfähigkeit ist also eine Grundeigenart von Menschen. In diesem Sinne ist sie jedoch nicht von den realen Menschen zu trennen. Die Arbeitskraft, in der sich diese Kompetenz äußert, hat sozusagen immer ein konkretes Anhängsel, eben die dazugehörige Person. Deshalb hat die New Work Bewegung auch eine solche Resonanz.

 

Kausalitäten

Um auf die Kausalitätsfrage zurück zu kommen, die Lars Vollmer so wichtig ist: Wie die Erwerbsarbeit nun genau organisiert wird hängt davon ab, welche Vorstellungen eine Gesellschaft davon hat, sie zu organisieren. Das ist auch eine Aufgabe der Moralphilosophie (Unternehmensethik) und zeigt sich an Diskussionen darüber, ob beispielsweise Gewinne legitim - und damit berechtigt - sind oder nicht. Die Gesellschaft überformt also mit ihren Wertvorstellungen das konkrete Funktionsprinzip von Unternehmen und ist dadurch, dass sie die Erlaubnis erteilt (license to operate), zugleich die Basis dafür. Das ist die eigentliche Ursache, wie Arbeit in kapitalistischen Marktwirtschaften organisiert wird. Wie Unternehmen das dann jeweils umsetzen ist eine Folge daraus. So läuft die Kausalität. Deshalb geht es noch weiter: In kapitalistischen Marktwirtschaften - und in einer solchen befinden wir uns nach ziemlich einheitlicher Auffassung - wird das Organisationsprinzip von Unternehmen so ausgelegt, dass nicht mehr die Befriedigung der Bedürfnisse (von wem auch immer) den unternehmerischen Handlungsantrieb darstellen, sondern die Verwertung bzw. Vermehrung von Kapital. Kapital wird also eingesetzt, um mittels der Produktion von Gütern und Dienstleistungen mehr Kapital, bzw. eine entsprechende Rendite, zu erwirtschaften.

Das kann mach schön am "Shareholder Value" festmachen: Der Eigentümer oder die Eigentümer bestimmen, welchen Zweck die Unternehmung hat, wie dort gearbeitet wird und welchen Platz Kunden dabei finden. Wer das nicht erwähnt, der "vertauscht doch glatt die Wirkungsrichtung!" Kundenwünsche als Ursache kommen hier ganz explizit nicht vor. Allenfalls ist eine Folge der Kausalität hoher Renditeerwartungen die, Kundenbedürfnisse möglichst ernst zu nehmen. Das erklärt übrigens auch zu einem nicht unerheblichen Teil den Widerstand, der insbesondere aus dem Management gegen die New Work Bewegung entsteht: Ist doch ihr konkretes Salär, und damit ihre Lebensbedingung, meist recht direkt an den Shareholder Value, also die Renditeerwartungen und auch den Aktienkurs, gebunden. Das ist der Beweggrund für sie, so zu agieren, wie sie es tun. Und das ist jetzt nicht als Vorwurf gemeint.

 

Aufklärung über die digitale Transformation

Digitalisierung "passiert ganz automatisch, wenn ein Unternehmen mit den Erfordernissen des Marktes Schritt halten möchte". Es gibt im Bereich der digitalen Transformation wohl kein größeres Missverständnis als dieses. Einmal davon abgesehen, dass es längst nicht so ist, dass Unternehmen ständig technologisch up-to-date sind, geht es doch bei dieser Debatte ganz überwiegend nicht um Technologie, auch nicht, wenn oder weil sie digital sein soll. Wenn Lars Vollmer den Begriff darauf reduziert, wie es seine Sätze nahe legen, dann macht er das entweder mutwillig, oder aber aus einem Unverständnis heraus. Was die New Work Bewegung in diesem Zusammenhang übrigens erfolgreich aufgreift ist, dass die neue Form der Zusammenarbeit, die beispielsweise über digitale Kollaborationsplattformen möglich wird, auch ökonomisch produktiver ist. Es geht in Wirklichkeit also gar nicht - oder jedenfalls nicht nur - um Moralvorstellungen, wie Lars Vollmer weiter mutmaßt. Gerade wenn sich Unternehmen erfolgreich der digitalen Konkurrenz stellen wollen, um im Sprachgebrauch von Herrn Vollmer zu bleiben, müssen sie sich mit den neuen Formen der Zusammenarbeit auseinandersetzen. Und auch in Fragen der Kausalität schließt sich der Kreis anders, als Lars Vollmer es tut: Ursache der Digitalisierung ist die produktivere Form, zusammenarbeiten zu können. Eine Folge davon ist, die entsprechende Technologie im Unternehmen einzuführen. Es umgekehrt zu machen hat bisher noch nie funktioniert. Mit anderen Worten: alleine aufgrund der Einführung technischer Tools passiert überhaupt nichts. Sie werden dann meist noch nicht einmal genutzt. Übrigens auch nicht in Bezug auf den so stark hervorgehobenen Kunden. Bezüglich des Kunden kann man von der New Work Bewegung auch noch weiteres lernen.

 

Wertschöpfung durch Arbeit

"Arbeit ist das, was für den Kunden getan werden muss. Die Wertschöpfung." Dies ist eine sehr eigentümliche Interpretation des Begriffs Arbeit. Hier müsste richtigerweise Erwerbsarbeit stehen und die Wertschöpfung davon getrennt werden. Wertschöpfung geschieht in Unternehmen in (meist globalen) Prozessketten, also der Wertschöpfungskette - oder heute besser, dem Wertschöpfungsnetz: Dazu gehört die Vernetzung mit den Zulieferern genauso konsequent, wie das Netzwerken im Unternehmen und mit Stakeholdern. Und, das ist das Neue und digital Mögliche: den Aufbau einer echten Beziehung mit den Kunden. Auch wenn man es abstrakt beschreiben kann, so findet die Kundenbeziehung doch immer mit und zwischen konkreten Menschen statt. Ein Stichwort der New Work Bewegung ist hier wie kein anderes dazu geeignet, diese Beziehung ernst zu nehmen: Augenhöhe. Der Kunde ist gerade keine "externe Referenz". Will man ihn in vollem Umfang würdigen, muss man ihm als Menschen begegnen, Vertrauen aufbauen und schließlich auch einmal fragen. Um ihn zu guter Letzt gleichberechtigt in die Wertschöpfungskette einzubauen. So viel Mut haben auch die härteren Kämpfer der New Work Bewegung selten. Aber es ist die konsequente Weiterentwicklung des kollaborativen Zusammenarbeitens. Und führt in einem großen Bogen wieder zurück zu den Anfängen der Menschwerdung. Digital ist dies über geeignete Plattformen mittlerweile problemlos zu lösen. Zu groß ist dieser Schritt bisher eher in den Augen derjenigen, die mit den bisherigen Formen, Unternehmen zu führen, gut zu Recht kommen und ihre Moralvorstellungen daraufhin angepasst haben.

 

Fortschritt

Fortschritt besteht also, um die Replik zu Ende zu bringen, in einem Schritt zurück. Er stellt sich nur ein, wenn man beginnt, das stark zu machen, was Menschen in der evolutiven Entwicklung stark gemacht hat: ihre angeborene Fähigkeit, als echte Teamplayer agieren zu können, für die Arbeit zu nutzen. Da setzt nicht nur die New Work Bewegung völlig zu Recht an, sondern auch die kleine Community der Anbieter von Enterprise Social Networks. Zugleich stellt sich dabei heraus, dass dieser Fortschritt für die Unternehmen auch ein Fortschritt für die Menschen ist. Und genau deshalb gewinnt diese Diskussion so viele Anhänger. Und wahrscheinlich auch Widerstand. Man könnte mit Fug und Recht sagen: eine digitale Plattform ist ein kleiner Schritt für ein Unternehmen, jedoch ein großer Schritt für die Kunden. Man muss es nur entsprechend der richtigen Kausalitätsrichtung, nämlich der Kollaboration entlang, anpacken.

Über den Autor

Siegfried Lautenbacher Gründer und Geschäftsführer
Gründer und Geschäftsführer bei Beck et al. Services. Lead Consultant für High Performance