Social Learning - back to the roots

Von Alexander Klier 15.03.2017

"Wer verspricht, E-Learning werde (teure) Lehrkräfte überflüssig machen, hat keine Ahnung von Bildung und Pädagogik, damit aber auch keine Ahnung von E-Learning" (Werner Sesink 2003).

Das Zitat von Werner Sesink hatte ich bereits in meinem Blogbeitrag beim Besuch der Learntec (hier) verwendet. Ich möchte es hier noch einmal anbringen um zu bestärken: Wer davon ausgeht, dass die digitale Revolution beim Kompetenzerwerb vorrangig über digitale Tools stattfindet, hat nichts von der Disruption beim digitalen Lernen verstanden. Auch hier hat die Transformation primär die (Neu-) Organisation des Lernens im Auge und die Lernenden als Ausgangspunkt.

Bild: Pixel2013 – Cyber Glasses auf Pixabay. Creative Commons 0 – Public Domain.


Wie hängen digitales Lernen, Kompetenzentwicklung und die Transformation von Unternehmen hin zu agilen Organisationen zusammen? Darüber wird, auch im Rahmen der EDA (Enterprise Digital Arena) auf der CeBIT, an der wir uns dieses Jahr wieder aktiv als Sponsor beteiligen, bereits länger diskutiert. Dieser Blogbeitrag stellt meine inhaltliche Positionierung bezüglich des Experten-Panels "Digitales Lernen & Aufbau von digitalen Kompetenzen als Erfolgsfaktoren für die digitale Transformation" am Dienstag, 21.3.2017 um 15:20 Uhr dar.

 

Digitales Lernen

"Dass Mediennutzung immer soziales Handeln ist, das von verschiedenen soziokulturellen Faktoren beeinflusst wird und in einem komplexen Zusammenspiel von Subjekt und Technologien entsteht, wird ignoriert […] Dieser Determinismus steht im krassen Widerspruch zur Komplexität menschlichen Handelns allgemein und der Medienaneignung im Speziellen" (Arnold & Weber 2013).
 

Einer aktuellen Erhebung zufolge (eLearning Benchmarking Studie 2017, S. 6) "hat das aktuelle Schulungsangebot für digitale Kompetenzen nur eine geringe Wirkung (55,6 %) oder ist gar komplett unwirksam (8,2 %)". Dieses Ergebnis überrascht mich nicht. Es hat natürlich viel damit zu tun, was man unter digitalen Kompetenzen versteht und wie man sich, beispielsweise im Bereich der Personalentwicklung oder HR vorstellt, solche zu erwerben. Seit einiger Zeit beobachte ich, dass es im Bereich des digitalen Lernens eine schwierige Diskussion gibt, die auch damit zu tun hat, dass die Begriffe nicht wirklich klar sind. Kunde beispielsweise bedeutet im Kontext der Anbieter von E-Learning nicht, Nutznießer der angebotenen (und teuer eingekauften) Lernprogramme zu sein. Interaktivität meint wiederum in der Regel einen Monolog des Lerners mit sich selbst, weil in der Interaktion mit dem Programm nur möglich ist, was die Programmierer schon vorher als Wahlmöglichkeit (meist der Reihenfolge) festgelegt haben. Die problematischste Entwicklung sehe ich dabei darin, dass die Lerner*innen von den Anbietern digitaler Lernmöglichkeiten, aber auch den entsprechenden Abteilungen in den Unternehmen, unter dem Schlagwort "Selbstorganisation" bewusst alleine gelassen werden. Damit werden lange bekannte Grundlagen des Lernens schlichtweg ignoriert. Bezüglich der Kompetenzbildung bringt das Zitat von Arnold und Weber auf den Punkt, dass sich in der Debatte um das digitale Lernen ganz viel um Tools dreht, sie sich also technikdeterminiert vollzieht. Gerade damit aber erst recht in die komplett falsche Richtung läuft. Ich möchte das noch einmal am Beispiel der Begrifflichkeit "Selbstorganisation des Lernens" exemplifizieren.

 

Selbstorganisation heißt nicht, alleine zu lernen

Was für ein Begriff oder vielmehr Feld von Begriffen: Digital Selbst-organisiert, Selbst-gesteuert und sogar Selbst-bestimmt lernen zu können. Das verspricht mindestens ein beständiges Flow-Erlebnis beim Lernen – und echte Partizipation im Prozess obendrein. Wenn nicht noch weit mehr. Positiv daran ist in jedem Fall, dass das Augenmerk auf die aktive und notwendige Leistung der Lerner*innen gerichtet wird. Ohne dass sie wollen oder dazu motiviert sind, lernen sie nahezu nichts. Das verrät aber noch nichts darüber, wie es zu dieser Volition beim Lernen kommt und vor allem, ob dies durch die Technik induziert werden kann. Oder ob die Motivation nicht doch eher vom sozialen Kontext abhängt. Ich möchte deshalb die beiden Bestandteile in diesen Begrifflichkeiten noch einmal trennen:

  • in den Teil des "Selbst" in der Konnotation von Ich, Persönlichkeit und Subjektivität
  • sowie die unterschiedlich angehängten Teile wie "organisiert", "gesteuert" oder "bestimmt".

Beginne ich mit letzterem, dann wird relativ schnell offenkundig, dass menschliches Lernen als bewusster Akt bzw. als Handlungsvollzug normalerweise in unterschiedlicher Art und Weise organisiert und gesteuert wird. Alle Kulturen, die wir kennen, haben in irgendeiner Form etwas ausgeprägt, wie sie beispielsweise Wissen von Alt nach Jung weitergeben. Und das gezielt und gewollt und vor allem: gemeinsam, also als soziale Handlung. In der Konnotation, wie sie im digitalen Kontext gebraucht wird, also mit dem "Selbst", gemeint als erste Person singular ("Ich") davor, wird genau dieser Bezug eigentlich negiert. Das hier adressierte Ich bestimmt alleine und autark die Planung. Dazu muss es auch einiges tun: sich selbst motivieren, sich selbst strukturieren und schließlich sogar noch wissen, wo es die wichtigen und neuesten Informationen gibt. Dabei wird das Selbst-Ich zwar technisch unterstützt, weil es entweder den eigenen Weg beim Lernen beschreiten kann oder auch extrinsisch durch spielerische Anreize motiviert wird. Aber letztlich bleibt dieses Selbst-Ich alleine gelassen – im wahrsten Sinne des Wortes.

In der derzeitigen Diskussion zeigt sich so ein hochindividualistisches Bild von Selbst-Lerner*innen, dem der soziale Gedanke – mitunter als möglicher Störfaktor – fremd ist. Ganz analog zur New-Work-Bewegung scheint hier, oft genug entgegen der Absicht der Protagonisten, das vollendete neoliberale Menschenbild auf.

 

Kompetenzbildung läuft kollaborativ

Verständlich wird das als Gegenreaktion zu den meist curricular (nach einem Lehrplan und mit einem Lehrer) durchgeführten Bildungsveranstaltungen mit seinen entsprechenden (rigiden) Tests und darauf aufbauenden Zertifikaten. Richtig an dieser Auslegung ist, dass es im Rahmen digitaler Kompetenzbildung darum gehen muss, dass die Lerner*innen sowohl bezüglich der Prozesse des Lernens, als auch der Ziele des Lernens frei(er) bestimmen dürfen. Dennoch schießt diese Debatte derzeit weit über das Ziel hinaus. Das will ich noch einmal am zweiten Bestandteil der Begrifflichkeiten festmache, dem Selbst des Ich, das beispielsweise auch im Begriff des Selbst-Bewusstseins steckt. Mit unserem Hausphilosophen Hegel gesprochen, wird das Selbst-Ich eigentlich erst durch den wertschätzenden Spiegel der anderen zu einem Selbst "an-und-für-sich". Erst durch und mittels der anderen, verstanden in einem fundamentalen Sinn als notwendige Bedingung, kann es auch Kompetenzen entwickeln. Nicht nur deshalb, weil sich Kompetenzen überhaupt erst im sozialen Handlungsvollzug zeigen (und also etwas deutlich anderes sind als Wissen), sondern weil auch ihr Erwerb kollaborativ organisiert werden muss, wenn er gelingen soll. Was ausdrücklich nicht nur für die sogenannten sozialen oder digitalen Kompetenzen gilt.

"Wissen ist keine Kompetenz." Ein Gespräch mit Rolf Arnold und John Erpenbeck zum Thema Didaktik des Ermöglichens. Aufgenommen anlässlich des Corporate Learning MOOCs 2016. Ein sehr empfehlenswertes Video.

Bereits an der basalen Leistung der Aufmerksamkeit, als Vorstufe zum gelingenen Lernen, kann man den kollaborativen Zusammenhang deutlich zeigen: Es geht nicht nur um das Aufmerksam-Sein beim Lernen, sondern noch viel mehr um das Aufmerksam-gemacht-werden, beispielsweise auf andere Facetten des Themas oder auch Schwierigkeiten in der Umsetzung, die erst andere wahrnehmen. Das genaue Gegenteil (gegenüber einer Selbst-Suche nach Informationen, s.o.) ist also der richtige Ansatz. Und plötzlich ist man als Lerner*in auch nicht mehr alleine - und wird dadurch hochmotiviert. So funktioniert Social Learning. Digitale Kompetenzbildung gelingt mit Sicherheit erst dann, wenn sie in dieser Form in den Gesamtkontext des Lernens in den Unternehmen sinnvoll eingebunden wird. Wenn also, mit anderen Worten, das Lernen kollaborativ organisiert wird und ein pädagogisches und didaktisches Konzept dahinter steht, nicht nur eine digitale Lernplattform oder ein entsprechendes LMS. Auch eine "Ermöglichungsdidaktik" ist eine Didaktik. Sie kann sowohl digital, als auch analog ihre Wirkung entfalten.

 

Die Revolution digitaler Bildung ist analog

Die Prinzipien, die bezüglich einer gelingenden digitalen (und kollaborativen) Kompetenzbildung notwendig sind, lassen sich bereits in analogen Settings schön zeigen. Ich meine damit den Stuhlkreis und die als digitale Form von Konferenzen gehandelten Barcamps. Bereits der klassische Stuhlkreis funktioniert als Lerninstrument nur dann, wenn die Prinzipien der Augenhöhe, der Vernetzung, der Sichtbarkeit und schließlich auch des Empowerments der Lerner*innen berücksichtigt werden (speziell hierzu habe ich mich ausführlicher in diesem Blogbeitrag beschäftigt). Auch Barcamps funktionieren nur unter Berücksichtigung dieser Prinzipien. Was all diese Prinzipien gemeinsam haben ist, dass fundamental und von vornherein die Motivation, das Feedback und der Sinnbezug aus dem Gruppenzusammenhang kommen, weil es beispielsweise das gemeinsame Interesse an einem Thema gibt, über das man sich in der (Social Learning) Community austauscht. Eine Rückkehr zu diesen Prinzipien, die über Lernplattformen und soziale Medien, aber auch über Kollaborationsplattformen als Tools sehr leicht zu unterstützen ist, stellt für mich den eigentlichen revolutionären Charakter der digitalen Bildung dar.
 

Es bleiben genügend Aufgaben

Die Prinzipien einer sozialen Lernarchitektur, wie sie als Methode des Stuhlkreises verwendet werden, können auch jenseits dessen erfolgreich im Sinne einer digitalen Kompetenzentwicklung angewendet werden. Analog unserer Debatte hier bei Beck et al. Services zum Thema Führung (beispielsweise hier und hier) ist das jedoch überhaupt nicht gleichzusetzen damit, dass die didaktische Organisation, beispielsweise von MOOCs, als Aufgabe damit überflüssig werden würde. Auch eine Steuerung von virtuellen Seminaren muss weiterhin stattfinden, sonst funktionieren sie nicht. Das ist jedenfalls meine ganz persönliche Erfahrung. Die Steuerung aber ist in einer ziemlich anderen Art und Weise erforderlich, wie man wiederum an gut funktionierenden Social Learning Communities zeigen kann. Sie kann jedenfalls nicht durch die reine Technologie selbst übernommen werden. So gesehen wird die Steuerung beim digitalen Lernen zwar "enthierarchisiert" und kollaborativ, nicht jedoch überflüssig oder aufgehoben. Es bleiben also genügend Aufgaben übrig, nicht nur für Pädagogen, sondern auch für Coaches und Personalentwickler.

Wir haben diese Grundüberlegungen bezüglich des Social Learning in einem eigenen Essay gewürdigt, den wir zur EDA (Halle 5) mitbringen. Lassen Sie sich davon und von diesem Blogbeitrag zu einem Gespräch mit uns inspirieren.