Social und Social

Von Alexander Klier 24.12.2015
Social und Social

Das Bild zeigt Andreas Weinbrecht, Sebastian Thielke, Helmut Weiss und mich (von rechts nach links) bei der Christbaum Aktion von Beck et al. Services am 21. Dezember 2015. Konkret: beim Fällen der Bäume im Forstenrieder Park. Die Bäume wurden anschließend in der Teestube "komm" abgegeben.

Bild: Alexander Klier unter den Bedingungen der Creative Commons - Namensnennung-Verwendung unter gleichen Bedingungen (BY-SA)

 

Gedanken über die Arbeit zu Weihnachten

"Seit 2002 arbeiten wir mit der Teestube „komm“ des Evangelischen Hilfswerks zusammen, die wohnungslosen Mitbürgern Unterstützung bietet."

 

Was, wie obiges Zitat, auf unserer Webseite (hier) sehr kurz beschrieben ist, hat mir tatsächlich neue Impulse gegeben. Und mich im Nachgang dazu gebracht, mir ein paar Gedanken zum Thema Arbeit zu machen. Diese sind zwar zum Teil nur lose gekoppelt, gleichwohl will ich sie hier zusammenhängend und "digital" zu Papier bringen. Nicht ohne unerwähnt zu lassen, um welches Setting es geht: wir bei BeaS helfen der Teestube "komm" dabei, kurz vor Weihnachten im Forstenrieder Park geeignete Christbäume zu bekommen. Dabei wird, unter Anleitung des zuständigen Försters, der zu dichte Baumbestand ausgedünnt, weshalb es auch unter ökologischen Aspekten eine gute Aktion ist. Anschließend helfen wir an weiteren 2 Tagen dabei (in unserem Fall am 22. und 23. Dezember), dass die Bäume an Interessenten und Bürgerinnen abgegeben werden können. Diese bedanken sich in der Regel mit einer Spende für die Teestube komm. Soweit das Szenario unseres ehrenamtlichen Einsatzes. Die Aktion kommt also unmittelbar der Teestube zu Gute.

Die Teestube komm wiederum bietet für alleinstehende Wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen einen Aufenthalt während des Tages an. Dabei besteht die Möglichkeit zur Körper- und Wäschepflege und eine Kochgelegenheit. Doch vor allem geht es bei der Teestube komm um die Pflege sozialer Kontakte in einem geschützten Raum. Wenn man so will, geht es um die Möglichkeit gelebter Sozialität, wie unsere Unterstützung bei der Weihnachtsbaumaktion auch. Sozialität macht Menschen aus, ob privat oder im Arbeitsleben. Und, wie ich von Sabine Pfeiffer gerne übernehme und betone: es gibt wohl nichts sozialeres als (gemeinsame) Arbeit. Wird Arbeit, und damit Sozialität, unmöglich gemacht, werden die Menschen krank - und manchmal eben wohnungslos. Mit anderen Worten: man kann Arbeit auch so organisieren, dass sie das Gegenteil von sozial darstellt bzw. Sozialität nicht erreicht.

Die Teestube komm des Evangelischen Hilfswerks hilft Wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen. Wir bei BeaS helfen komm ehrenamtlich bei der jährlichen Weihnachtsbaum Aktion.

Bild: Alexander Klier unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA)

 

Die verrückte Welt der Arbeit

"Physiologische Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Wärme lassen sich bei geringen finanziellen Mitteln und ohne eigene Wohnung schwer stillen" (Diakonie hier).

 

Der erste Gedanke, den ich hatte, war der, dass ein zentraler Aspekt für viele Menschen, die wohnungslos werden, der einer fehlenden Erwerbstätigkeit (Arbeit) ist. Egal, aus welchen Gründen dies geschieht: sobald man nicht von Beruf Sohn oder Tochter ist oder anderweitig einen Mäzen hat, geht einem mit der fehlenden Arbeit bald das Kleingeld aus, sich einen festen Wohnraum leisten zu können. In Ballungszentren wie München noch viel schneller als beispielsweise auf dem Land. Hat man erst einmal diese Situation, dann ist es wiederum viel schwerer, in eine "geregelte Beschäftigung" zu kommen. "In fast allen Fällen ist die Einkommenssituation wohnungsloser Menschen prekär" (Bundeszentrale für politische Bildung, hier). Hinzu kommen immer mehr "Working poor", also Menschen, die voll erwerbstätig sind, aber dennoch zu wenig verdienen, um davon den notwendigen Lebensunterhalt, wozu der eigene Wohnraum gehört, zu bestreiten. Den Lebensunterhalt zu sichern stellt sozusagen die erste Facette des Sozialen von Arbeit, richtigerweise benannt von bezahlter "Erwerbsarbeit", dar.

Aber ein zweiter Gedanke beschäftigt mich im Kontext der Erwerbsarbeit: Nämlich der, dass wir in einer total verrückten Welt leben, was die Organisation von Erwerbsarbeit betrifft. Diesen Aspekt könnte man sicher schön in Statistiken zeigen und gut wissenschaftlich belegen. Ich will es nur kurz anreißen: auf der einen Seite haben wir "Hochqualifizierte" und "High-Performer" in den Unternehmen. Für diese sind 70 oder 80-Stunden-Wochen Normalität. In der Regel bei einer zwar anständigen Bezahlung für die Tätigkeit, aber bei einer fast vollständigen Aufopferung der privaten Zeiten für die Arbeit. Daneben gibt es immer höhere Leistungsanforderungen in den Unternehmen auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten. Ablesbar ist das an der rapiden Zunahme psychischer Erkrankungen. Schafft man diese Anforderung nicht mehr, wird man plötzlich zum "Low-Performer" und nicht selten "ausgemustert". Beides ist menschenunwürdig und wenig sozial. Und vielfach der Hintergrund, vor dem die Debatte um die Zukunft der Arbeit und den künftigen Arbeitsplatz, egal ob digital oder analog, stattfindet.

Auch der zweite Teil unserer Unterstützung, die Abgabe der Christbäume, ist Arbeit. In diesem speziellen Fall jedoch eine sehr kollaborative und soziale Form der Zusammenarbeit.

Bild: Alexander Klier unter den Bedingungen der Creative Commons (BY-SA).

 

Die physische Basis von Arbeit

"Gute Arbeitsbedingungen sind ein Garant dafür, dass Menschen vielfältige Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln können, dass sie Wertschätzung und Anerkennung erhalten und [...] wichtige soziale Beziehungen aufbauen können" (DGB Index Gute Arbeit, S.3; hier).

 

Wer in der digitalen Welt, der Sphäre der Zahlen und Indikatoren oder auch der Domäne des Schreibens zu Hause ist, der vergisst sehr leicht, dass auch geistige und digitale Arbeit, immer noch im Sinne von Erwerbsarbeit, eben Arbeit ist. Gemeint in einem physischen Sinn der Leistungsverausgabung und, oft genug, der Notwendigkeit, sie erledigen zu müssen. Psychisch erlebt man die Leistungsverausgabung vor allem dann, wenn nicht alles glatt läuft. Denn leider gibt es nicht immer nur nette Kunden oder eine angenehme Kommunikation. Und auch sonst kann es ganz schön anstrengend sein, termingerecht seine Ideen abzuliefern. Insofern ist nicht nur der Anteil der puren physischen Arbeit etwas zutiefst menschliches und kräftezehrendenes. Was Arbeit in diesem physischen und psychischen Sinn bedeutet, wird mir in solchen Momenten, wie beispielsweise dem Umschneiden und Fällen der Bäume, dem anschließenden Auf- und Abladen, wieder unmittelbar deutlich. Das ist ein weiterer Aspekt meiner Erfahrungen der Christbaumaktion. Und auch hier kann ich nur betonen, dass ich froh bin, dass wir die Leistungsverausgabung bei BeaS mit Hilfe unserer Plattformen gut und human gestalten können. Ohne dass die sozialen Beziehungen zu kurz kommen.

 

Arbeitsbeziehung

"Andererseits aber ist es auch verkehrt, die Untätigkeit höher zu loben als die Tätigkeit, denn die Glückseligkeit (eudaimonia) ist Tätigkeit (praxis)" (Aristoteles, Politik, 1325b 32).

 

Soziale Beziehungen: ja, Menschen sind soziale Lebewesen. Und erhalten dadurch Sinn und Befriedigung im Leben. Dieser Faden zieht sich seit Beginn der Philosophie durch die verschiedenen Betrachtungsebenen und Theorien. Am schönsten hat es meines Erachtens (zu dieser frühen Zeit) Aristoteles auf den Punkt gebracht: Menschen sind von Natur aus politische Lebewesen (zoon politikon), Polis dabei verstanden als (kleine) Gemeinschaft, die in einem lebendigen Austausch steht, aus der sich das wünschenswerte Leben ergibt. Auch das spiegelt sich – gewollt oder ungewollt, positiv oder negativ – in der Organisation von Arbeit, insbesondere der Erwerbsarbeit, wider. Hierüber haben wir im Rahmen unserer Blogbeiträge schon viel geschrieben. Die Möglichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (der Polis) über die Arbeit ist der zweite große soziale Kontext, der mir zum Thema Arbeit einfällt. Und wiederum glücklicherweise bei BeaS in einer Art und Weise gelöst, die ich persönlich für zukunftsfähig, weil menschenwürdig, halte. So steht für mich eine Social Collaboration für eine Bejahung des Prinzips sozialer Beziehungen in der Arbeit und für die Arbeit.

 

Sozialität durch Kollaboration 

"Jesus wendet sich gegen die ständige Betriebsamkeit und das gottlose Rennen. Er sagt: Macht euch nicht verrückt. In jedem Arbeitsleben muss man auch innehalten und zuhören können" (Das Zitat ist hier zu finden).

 

Es ist nicht komplett übertrieben festzustellen, dass sich die einen in der Arbeit ruinieren, weil sie zu viel arbeiten und einen zu hohen Leistungsdruck haben - und dadurch nicht nur körperlich ausgelaugt werden, sondern vor allem keine sozialen Beziehungen leben können, während sich die anderen dadurch ruinieren, dass sie nicht mithalten können - oder gleich gar keine Arbeit haben. Und auch dadurch wiederum ausgeschlossen sind von den lebenswichtigen sozialen Beziehungen. Beides ist das pure Gegenteil gelebter Sozialität. Sozialität braucht neben der rein physischen oder psychischen Arbeit als Aufgabe und Ziel auch den Austausch und Zeiten, in denen man etwas miteinander, vor allem im Kreise der Kolleg*innen, Freunden und Familie macht. Und das gilt sowohl für das private, als auch für das berufliche. Und es gilt in einer Verflechtung, als das private während der Arbeit und des berufliche im privaten tun zu können, insofern es nicht zu einer weiteren Leistungsanforderung führt. Insofern bin ich total froh, dass wir hier bei BeaS grundsätzlich die Möglichkeit haben, durch die spezielle Art unserer Zusammenarbeit, einer praktizierten Social Collaboration beide Anteile zu leben. Wenn man so will das berufliche Social mit dem privaten Social in Einklang bringen zu können.

Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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