Was wir aus der digitalen Revolution machen

Von Alexander Klier 09.03.2015
Was wir aus der digitalen Revolution machen

English Version

Wie wir in Zukunft arbeiten hängt nicht von der digitalen Technik als Technik ab, sondern davon, wie wir sie nutzen und unter welchen Rahmenbedingungen ihr Einsatz stattfindet.
Bild: Victorgrigas - Wikimedia_Foundation Servers auf den Wikimedia Commons (hier). Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen (BY-SA).

 

Marc Beise, Leiter der Wirtschaftsabteilung der Süddeutschen Zeitung, hat am Freitag, 06. März 2015 ein Essay veröffentlicht, das im Kontext der Recherche "Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" bei der Süddeutschen Zeitung steht. Damit reiht sich der Artikel sowohl in die Reihe, als auch die Reihe in die derzeit im Bereich der IT-Industrie stattfindenden Debatte über die Zukunft der Arbeit und den digitalen Arbeitsplatz der Zukunft ein (Hier, hier und hier Links zu einigen der im Netz geführten Diskussionen). Ich fühle mich zum Schreiben dieses Beitrags deshalb aufgefordert, weil ich sowohl der Grundaussage des Artikels nicht zustimme, als auch das Thema selbst auf der Social Business Arena im Rahmen der CeBit nächste Woche grundsätzlich thematisieren und mit Gesprächspartnern diskutieren werde. Warum nun finde ich das Essay von Beise - gelinde gesagt - verwirrend geschrieben? Weil er nicht wirklich Argumente dafür vorbringt, warum die digitale Revolution das (angebliche) Problem - oder auch die Lösung - darstellt. Und weil es einen bunten Mix bekannter Themen darstellt, deren Lösung noch ansteht. Damit will ich keinesfalls abstreiten, dass ein Teil der in dieser Reihe dargestellten Tatsachen nicht schwerwiegende gesellschaftliche Fehlentwicklungen bedeuten. Was ich jedoch bestreite ist, dass das an der digitalen Revolution festgemacht werden kann. Es sind vor allem viele politische Entscheidungen und unternehmerische Handlungen, die zu diesen Entwicklungen geführt haben.

 

Was macht denn die digitale Revolution mit uns?

Die digitale Revolution ist kein Naturereignis. Deshalb legt Beise bereits mit der Überschrift des Artikels die falsche Fährte. Unter dem wachrüttelnd gemeinten Titel "Was die digitale Revolution mit uns macht" wird zunächst einmal ein völlig verkehrtes Bild davon gezeichnet, wer Subjekt und was das Objekt der digitalen Revolution sein soll. Die Technik als historisches Subjekt, das etwas mit den Menschen (als Opfern) macht? Diese Vorstellung ist nicht nur unter Kulturpessimisten und Technikkritikern weit verbreitet. Dabei kann man beispielsweise mit Hilfe der Techniksoziologie zeigen, wie falsch dieses Bild ist. Um einen Techniksoziologen zu Wort kommen zu lassen: "Techniken sind Resultate sozialen Handelns" (Rammert 2006, S. 3 hier). Besonders deutlich wird der Gestaltungskontext dann, wenn man von einzelnen (digitalen) Artefakten absieht und ihre gesellschaftliche Einbettung betrachtet. "Dann zählen [...] auch die sozialen Standards und wirtschaftlichen Abrechnungssysteme, die Vertrags- und Gesetzeswerke wie auch die Regulierungsbehörden und Betreiberorganisationen" (a.a.O., S. 5) untrennbar zu einer Technologie und vor allem zu ihrem Einsatz. Alles Institutionen von Menschen zur Gestaltung ihres gemeinsamen Zusammenlebens. Mithin auch Einrichtungen, die die Fragen beantworten müss(t)en, was wir aus der digitalen Revolution machen. Wenn geklärt ist, was wir überhaupt daraus machen wollen, also auch die Ziele im gesellschaftlichen Diskurs geklärt werden. Eines dieser Ziele ist für mich die menschenwürdige Gestaltung des digitalen Arbeitsplatzes, weil nur so ein tatsächlich nachhaltiger Beitrag zum Betriebsergebnis zu erwirtschaften ist.

 

Drei analoge Revolutionen und ...

"Man kann [...] sich seiner Wirkung schwer entziehen. Erst recht nicht, wenn man sich Gedanken macht darüber, wohin die digitale Revolution noch führen wird. Was sie mit uns macht, und mit unserer Art zu arbeiten" (Beise). Hier waren sie wieder, seine Gedanken, festgemacht an einem fiktiven Werk, einem Roman. Dem folgt recht unvermittelt ein kurzer historischer Abriss von drei Revolutionen der Arbeitswelt á la Beise. Die für mich falsch aufgelistet werden, weil normalerweise die digitale Revolution die dritte Revolution darstellt. Sie folgt auf die industrielle Revolution (Einsatz fossiler Energien und Automatisierung durch Fließbandarbeit), der wiederum in der Wissenschaft die neolithische Revolution (die erste produzierende Wirtschaftsweise der Menschen) vorausging.  Vollends verwirrend wird es nun, wenn die Globalisierung dazukommt. Hallo? Auch die Globalisierung ist ein nicht wirklich neues Phänomen, das bereits in der analogen Welt Umbrüche verursacht hat. Schließlich kommen für Beise noch unterbrochene Karrieren ins revolutionäre Spiel. Diese sollen auf die Brüchigkeit der sogenannten Normalarbeitsbiografie und des Normalarbeitsverhältnisses hinweisen. Abgesehen davon, dass dies sicher eine der wichtigen Kategorien ist, die neu mit Zielvorstellungen hinterlegt werden muss, hat das jedoch nur mittelbar etwas mit der digitalen Revolution zu tun. Wie auch der Bezug zur Entwicklung von prekären Arbeitsverhältnissen (wohlgemerkt: nicht atypischen Arbeitsverhältnissen) nicht im Sinne eines ursächlichen Zusammenhangs zu sehen ist. Zumindest nicht alleine. Es gibt noch weitere Beispiele, wie Beise hier Dinge aneinanderreiht und durcheinandermischt, die zumindest im Sinne kausaler Verursachungen nichts miteinander zu tun haben. Das kann man auch an so Säzte wie beispielsweise "Die Präsenzkultur wird zur Erlebniskultur" ablesen, die in seinen Augen das Phänomen entgrenzter und mobiler Arbeit beschreibt. Warum das so sein soll erschließt sich mir im oder aus dem Essay nicht. Gleichwohl weist er am Schluss darauf hin, dass es auch einen positiven Gestaltungsanspruch gibt und die Arbeit an der Zukunft der Arbeit erst beginnt.

 

... die digitale Revolution

Der Sachzwang, der für manche Menschen von der Materialität und Undurchsichtigkeit technischer Systeme oder Prozesse ausgehen kann (Rammert, a.a.O.), wird oft mit einer Macht der Technik oder Herrschaft der Computer gleichgesetzt. Das weist für mich auf einen besonders wichtigen Aspekt der digitalen Transformation hin: dass nämlich eine Gestaltung der digitalen Transformation, auch und gerade in Bezug auf die Arbeit, nicht nur vom bloßen politischen Willen oder besonders tugendhaft handelnden Menschen (wahlweise Führungskräften) abhängt. Die strukturelle und prozessuale Frage ist genauso wichtig und insofern sind diese auch eigenständig zu klären. Für den betrieblichen bzw. unternehmerischen Kontext heißt das beispielsweise, sich darüber Gedanken zu machen, wie die künftige Zusammenarbeit stattfinden soll und in welcher Form die digitale Technik diese Zusammenarbeit unterstützten und voranbringen kann. Das ist letztlich das Thema und der Hintergrund der Frage nach einer Neuordnung der Rahmenbedingungen von Arbeit im Rahmen der Social Business Arena.

 

Gestalten heißt Tun und Machen

Das ist auch der Hintergrund der Gedanken, in die wir uns bei Beck et al. im Sinne einer High Performance (Social) Collaboration sehr weitgehend vertieft haben. Mit dem ausdrücklich Plädoyer - und explizitem Wissen - in der kollaborativen Zusammenarbeit von Communities in den Unternehmen die Zukunft der Arbeit zu sehen. Die digitale Revolution kann dabei unglaublich hilf- und segensreich sein. Doch sie ist es nicht von "Natur" aus. Man muss das im Unternehmenskontext schon wollen und umsetzen. Dieses Wollen liefert die Antwort darauf, was wir aus der digitalen Revolution tatsächlich positiv machen können. Eine Social Collaboration bedeutet positiv für uns bei Beck et al. auch, als Arbeitgeber sozial im umgangssprachlichen Sinn zu sein, also beispielsweise das Wohl und die Selbstverwirklichungsmöglichkeiten der Mitarbeiter*innen bei der Arbeit im Auge zu haben. Dazu eignen sich digitale Arbeitsplätze übrigens besonders gut.  

Über den Autor

Alexander Klier Social Learning Consultant
Social Collaboration und Social Learning gehören zusammen. Gemeinsam denkt man weiter.

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